Tag Archive: Menschenzeug


Existenzielles

Manchmal frage ich mich, wozu ich dieses Blog habe. Das ist ein wunderbar dramatischer Satz (der wohl von sehr wenigen Menschen überhaupt gelesen werden wird); eigentlich ist dieses Drama in der Form gar nicht meine Sache.

Dennoch spiegelt diese Internetadresse einen Teil meiner Zerissenheit wieder, zwischen Persönlichkeit und Politik, Ehrlichkeit und Idealismus. Ich weiß oft nicht, was ich schreiben soll. Private Erzählungen aus meinem Alltagsleben? Diskurse und Monologe über Dinge, die wirklich wichtig sind, aber von einer Person wie mir schlecht bis gar nicht formuliert werden können? Ab und zu schimmert die Motivation des Veganismus hier durch, ansonsten wenig. Ich weiß auch nicht, ob die anwesenden Leute sowas lesen würde oder eher Persönliches wollen. Vielleicht bleibt es also bei einer Mischung aus beidem, mit Einsprengseln von fachlicher Begeisterung, die sonst niemand interessieren.

Es wird Sommer und ich fühle mich mal wieder ein bisschen wie ein Baum. Ich ernähre mich vom Licht, ich bewege mich wieder lieber, meine Haare werden grün… Foto 74

Hups.

Vor zwei (drei?) Monaten ist mein Mitbewohner ausgezogen, hat die Katzen mitgenommen und ein unerwartetes Loch des Vermissens gerissen, das in lanAlltgem, betroffenem Schweigen mündete. Nun ist der Flur sehr leer. Wir haben eine Zimmerpalme an den Ort gestellt, wo der Kratzbaum war, um die Leere zu kaschieren. Nun ist jemand eingezogen, sie hat einen Hund, ist auch Vegetarierin, lebt meistens vegan, hat unglaublich lange Haare, wir verstehen uns überraschend gut trotz meiner Anfälle von Minderwertigkeitskomplexen und Introvertiertheit. Der Hund ist faul, belagert mich, wenn ich esse, und lässt sich mit Freude kraulen. Ich habe alle Privilegien, was diesen Hund betrifft, ohne die dazugehörigen Pflichten. Dennoch bleibt es anders, irgendwie seltsam. Ich nabele mich allmählich ab, habe ich das Gefühl. Die bevorstehende Veränderung reißt ein Loch in mein Zugehörigkeitsgefühl, und so bin ich selbst wohl nicht kontaktfreudig genug, weil ich die Sache ökonomisch angehe.

Ich werde wieder nach Russland fliegen. In dieses riesige, öde Land, das sich seit meinem letzten Aufenthalt dort derartig unbeliebt gemacht hat mit diversen Kriegen, Menschenrechtsverstößen und der Wiederwahl des verrückten und gößenwahsinnigen Vladimir Putin. Die Petitions-Website „Campact“ mahnte vor einiger Zeit: „Russia censoring gay? Don’t go there!“, und ich dachte: Doch, ich werde es trotzdem tun. Irgendwann, irgendwie, werde ich es tun. In der Hoffnung, dass alles, was in mir und um mich herum dort kaputtgegangen ist, sich irgendwie wieder findet, sich vielleicht ein Stück weit zusammenfügen oder zumindest besser einordnen lässt. Ich lebe jetzt in den wenigen verbleibenden Tagen in der Gewissheit, die Flugtickets in meinem E-Mail-Posteingang zu haben. Und ich kann dort hinfliegen, komme was wolle. Wäre ich sehr melodramatisch, würde ich sagen: Vielleicht schließt sich damit der Kreis. Wahrscheinlich jedoch werde ich einfach nur noch verwirrter zurückkehren, in der Gewissheit, dass ich mir eine Menge vorgemacht habe und die Dinge nicht so sind und nie so waren, wie ich es jetzt noch denke. Hoffentlich kann Campact mir das verzeihen. Ich würde auch nicht als Touristin dort hinfliegen, aber durch diesen persönlichen Bias kommt mir alles ganz anders vor.

Ich habe meine damalige (deutsche) Arbeitskollegin angeschrieben, mit der ich in einem Verhältnis permanenten Konkurrierens und Misstrauens umgegangen bin, das selten durch freundliche Momente durchbrochen wurde. Sie antwortete in einer sehr langen Nachricht und entschuldigte sich für damals, mehrfach, und ich weiß nicht einmal, ob es an mir wäre, diese Entschuldigung umgekehrt ebenso auszusprechen. Wahrscheinlich schon. Es wirkt so lange her, das damalige Ich gar nicht mehr einschätzbar, sodass ich kaum sagen kann, was ich mir damals habe zuschulden kommen lassen und wieviel von dem ganzen Unglück ihr zuzurechnen ist, oder ob es einfach eine Verkettung ungünstiger Umstände war mit der Kombination zweier unvereinbarer Charaktere. Vermutlich ist es besser, sich einmal zu viel zu entschuldigen als einmal zu wenig. Und vermutlich schauen wir meistens mit einem zu milden Blick auf unsere Vergangenheit und sehen nur zu gern darüber hinweg, wie unausstehlich wir selbst waren, unabhängig von einzelnen Situationen, sondern im Gesamten.

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Frühsommer

Derzeit habe ich einiges in Arbeit, aber so richtig wollen die Worte nicht kommen. So ruht das mit Aussicht auf eventuelle Verbesserung meiner Schreiberei.

Wirklich gut geht es mir im Moment nicht. Schöne Dinge gibt es, ja, aber das alles wird von einer generellen Kraftlosigkeit überlagert, die mir in den letzten sieben Tagen zwei schreckliche Tage beschert hat, was doch eine ernüchternde Bilanz ist. Bleibt die Hoffnung auf Besserung.

Am Wetter kann es natürlich nicht liegen, denn das habe ich, so gut, es ging, ausgenutzt und etwas Schönes ist auch dabei herumgekommen:

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Ansonsten sieht es aber bei mir, auch an sonnigen Tagen, eher so aus.

Computer, offenes Fenster, und die Trauer darüber, nicht rauszugehen, obwohl ich könnte, es sogar wirklich schön sein könnte und mich theoretisch nichts daran hindert, außer ich selbst. Dazu eine Portion Menschenscheu und erneutes, verhasstes Chaos in Kombination mit der Kraftlosigkeit, die mich vom Aufräumen abhält. Eine gesunde Portion Selbsthass und schon sind die Frühlingsgefühle dahin. Lächerlich ist es, sich so vom Wetter abhängig zu machen.

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Patient_innen

Hach, ich bin so professionell geworden – zumindest kann ich ansatzweise so tun, als ob.

Eigentlich wollte ich damit herausplatzen, dass ich tatsächlich glaube, so etwas wie ein “Steckenpferd” gefunden zu haben, ein Fachgebiet, von dem ich nicht immer nur leer rede, sondern das mich wirklich interessiert. Ein Monat ist vergangen, seit ich wieder Uni habe, es stehen schon wieder Prüfungen an, ich werde wie immer schlecht abschneiden (falls ich sie überhaupt bestehe), und ich fürchtete schon, alles zu vergessen, was ich noch erzählen wollte.

Ob es nicht schlimm sei, mit Krebspatien_innen zu tun zu haben. (Natürlich sagen alle nur “Patienten”, genauso wie konsequent “Ärzte” und “Schwestern” gesagt wird. Oh ja, inmitten all des verwirrenden Fortschritts der Sprache steht die Medizin als eine der letzten Bastionen, in denen noch jede_r ungestraft und selbstverständlich diskriminieren darf.) Dann sage ich meistens, dass es eigentlich nicht schlimm war, meistens. Vielleicht bin ich so gefühlskalt, vielleicht auch wie geschaffen für den Umgang mit leidenden Menschen, vielleicht hängt auch beides miteinander zusammen; das wäre mir am unangenehmsten. Vielleicht lag es auch nur an der freundlichen Atmosphäre, die mir entgegenwehte wie die Luft aus einem Fön, dass alles andere mir nicht so schlimm vorkam.

Die Selbstverständlichkeit, mit der das Leiden dieser fast 20 Menschen behandelt wurde, war so eine “aus Gewohnheit”. Es gibt diesen festen Horizont von therapeutischen Möglichkeiten, und danach ist eben das Repertoire erschöpft, da kann eben nichts getan werden, und dies schien beiden Seiten bewusst zu sein und wurde auch nicht angezweifelt. Vielleicht mag ich das so sehr, dass es recht feste Schemata gibt, und wenn Entscheidungen anfallen, muss eins sie nicht immer ganz allein treffen. Wenn Fehler passieren, hat das meist eher mit Vergessen oder mangelnder Kommunikation zu tun. Und dennoch ist es keine kalte Stimmung, die herrscht, die Menschen werden nicht wie am Fließband abgefertigt, irgendwo ist da doch immer Sorge um sie.

Eine Ärztin sagte einmal auf dem Weg zum Mittagessen, dass sie morgens aufwacht und überlegt, was sie heute mit welchen Patienten machen muss; dass sie das eigentlich nervt. An einem ruhigen Tag bekamen wir Besuch von einer, die lange auf “meiner” Station gearbeitet hatte, die Zeit hatte und einfach vorbeikam, dann saßen sie zu dritt am Computer und guckten im Intranet alle Patienten nach, die sie kennen und die gerade auf Intensiv liegen. Ob sie noch leben, und wenn ja, ob sie noch intubiert sind. In der Hämatoonkologie kommen und gehen die Menschen, sie sind wie Bumerangs. Wenn ich länger geblieben wäre, hätte ich alle, die gingen, garantiert nochmal getroffen. Sie kriegen einen Chemozyklus stationär, Betreuung danach, erholen sich langsam, und fahren irgendwann für einige Zeit “Pause” heim. Dann kommen sie für den nächsten Zyklus, werden wieder aufgenommen, alles beginnt von vorn. Wenn ich Krebs hätte, bräuchte ich das wohl auch. So viel Zeit im Krankenhaus zu verbringen muss noch viel ekelhafter sein, wenn eins nichtmal vertraute Gesichter hat, weil alle immer wechseln. Aber so war es etwas anderes.

An einem Tag wurde eine Aufnahme angekündigt, die aus einem anderen Krankenhaus kam wegen unklarer Hypermenorrhoe. Eine Frau, die elf Tage lang ihre Periode hatte und sich deswegen untersuchen ließ, dabei kam eine “eklatante Verminderung aller drei Zellreihen” heraus (Erys, Leukos und Plättchen), mit “akutem Verdacht auf ernsthafte Erkrankung!!”. So stand es ernsthaft im Überweisungsschein und im Dienstzimmer wurde herzlich gelästert. Die Frau hatte eine Freundin dabei, war dick und trug eine Kobmination aus rot, grasgrün und Ringelstrümpfen, sie lächelte und erzählte, dass sie seit zwei Jahren wieder rauche, dass sie in psychologischer Behandlung sei, dass sie Freiberuflerin sei. Was genau, wurde zuerst gar nicht gefragt. Sie war die erste, bei der ich sozusagen die “Abfolge” von Schritten miterlebt habe, die am Anfang einer solchen Erkrankung stehen. Sie wurde mehr oder weniger sofort stationär aufgenommen, ihre Freundin holte ihr Kleidung von zu Hause, sie bekam eine Knochenmarksbiopsie. Sprich, auf dem Bauch liegen, örtliche Betäubung am hinteren Hüftkamm (da, wo diese Kuhle oberhalb des Pos ist), mit einer großen Nadel den Knochen durchbohren und das flüssige Mark aspirieren. Das tut weh, und je jünger die Menschen sind, desto härter sind ihre Knochen, das ist richtig zu spüren. “Meine” Nanny-Ärztin, so klein und zierlich, war ziemlich erschöpft danach. Mit dem Knochenmark werde Ausstriche auf Objektträgern gemacht (schnell, sonst gerinnt es), die kommen dann ins Labor und werden mikroskopisch untersucht.

Nun kam also heraus, dass ihr Knochenmark praktisch nur noch aus Blasten besteht, also unreife Blutzellen, die nichts taugen und alles verstopfen, sodass keine richtige Blutbildung mehr stattfinden kann…eine ziemlich typische Leukämie, außer, dass sie einen fiesen Typ hat (hatte?), der schwer therapierbar ist. Ich durfte bei der Diagnosemitteilung dabei sein, und stand/saß ewig lange mucksmäuschenstill in der Ecke, um nicht zu stören; sie weinte und ihr Bruder, riesig und bärtig, saß verwirrt daneben, ich habe alle Infohefte geholt, die es auf der Station gab. Sie fragte, ob sie denn in etwa vier Monaten halbwegs fit sein könnte, weil sie keine feste Arbeit hat. Darauf fiel der Satz: “Ich kann sie ewig lang krankschreiben, so lange Sie möchten.” – “Nein”, sagte sie, “ich bin Sängerin. Ich muss auftreten.”

Aber es ist utopisch, in so einem Fall. Noch immer stehen auf ihrer Website (ja, ich bin eine Stalkerin) die Termine dieses Sommers, bei denen sie garantiert nicht aufgetreten ist, und ich kann es mir nur so erklären, dass sie wohl anderes im Kopf hat, als ihre Website jetzt zu aktualisieren. Sängerin!, denke ich immer wieder. Ich habe Aufnahmen von ihr gehört (wie auch der Rest der Personals auf Station, wir sind alle Stalker), und sie sind so unglaublich viel besser, als ich es jemals können werde. Natürlich ist diese Frage müßig, aber sie taucht dennoch manchmal auf; warum denn ausgerechnet so jemand so etwas kriegen muss. Es erscheint so ungerecht. Immer, wenn ich danach bei ihr im Zimmer war, zum Blutnabnehmen, war ich  ein wenig ehrfürchtig und manchmal extrem trottelig deswegen. Equipment vergessen, dreimal gelaufen, ZVK versehentlich zweimal angespült, sterile Verpackungen nicht aufgekriegt, nichts schlimmes, aber dennoch peinlich.

Da ist ein älterer Mann gewesen, der Atemnot hatte. Er kam mit einer Sauerstoffsättigung von 85% (ich keuche bei 97%), weil seine Erythrozyten so niedrig waren. Nach etwa 10 Ery-Konzentraten ging es ihm besser, aber seine Leukämie-Diagnose hatte er trotzdem, und mit über 70 waren seine Chancen, die Chemoterapie zu überleben, recht gering. Als jemand ihm die Möglichkeit einer palliativen Therapie erklärte, sagte er gar nichts, und seine Frau neben ihm wäre dem Arzt fast an den Hals gesprungen, dass er es wagen konnte, den Vorschlag zu machen, ihren Mann “einfach sterben” zu lassen. Ich glaube, sie hat die ganze Zeit hindurch trotz vieler Erklärungsversuche das Prinzip nicht verstanden, also entschieden sie sich für die kurative Möglichkeit, und als meine Famulatur zu Ende war, lag er auf der Intensivstation im Sterben, weil durch die Toxizität der Therapie seine Organe nacheinander versagten. Das weiß ich aber nur noch aus Erzählungen; gesehen habe ich ihn da nicht mehr. Ich habe in der Zeit ein wenig drüber nachgedacht, ob ich, wenn mir so etwas jemals passieren sollte, mich selbst als jüngere Person für einen kurativen Therapieansatz entscheiden würde, wenn dieser nicht 100% Effektivität verspricht. Vielleicht sollte ich das einfach hinnehmen und auf eine nettere Art sterben als…naja, so.

Dennoch sind diese Gedanken müßig: Höchstwahrscheinlich würde ich verzweifelt alles in Anspruch nehmen, was mir angeboten würde an Therapie, Schmerzmitteln, Erleichterung. Ich vermute, wenn jemand mir sagte, dass ich für die gesamte Dauer der Erkrankung in ein künstliches Koma versetzt werden könnte, würde ich auch das mit Kusshand bejahen. Denn sich solche heroischen Gedanken zu machen, ist immer leicht, wenn eins nicht wirklich in der betreffenden Situation ist…

Nächste Woche lesen Sie : Warum ich immer vehement behaupte, niieeemals Kinder haben zu wollen, und warum es eventuell doch passieren könnte. Und warum ich jetzt wahrscheinlich trotzdem eine Abtreibung in Anspruch nehmen würde. Warum ich über Leute meckere, die mir ihr glückliches Pärchenleben ins Gesicht klatschen, obwohl ich selber eins habe, mit dem ich versuche, nicht so aufdringlich hausieren zu gehen (was mir vielleicht nicht immer gelingt, weshalb ich anderen damit trotzdem auf die Nerven gehe).

Als ich klein war, spielten wir gelegentlich, wir seien Hexen; wir hatten kleine Reisigbesen, die uns unsere Eltern im Urlaub in Schweden gekauft hatten und die niemals zum Fegen benutzt wurden, sondern eigentlich ausschließlich zum Fliegen. Wir hatten drei Grundstücke, über die wir flogen, mit Sprüngen über die kleinen Buchsbaumhecken, die den Weg dazwischen säumen (und manchmal auch in die Buchsbaumhecken, was nicht so erfreulich war), dazwischen kein Zaun. Irgendwo im Garten war ein kleiner Plastikpflock, der die Grundstücksgrenze markieren sollte, doch irgendwann erwischte ihn meine Mutter mit dem Rasenmäher, seitdem ward er nicht mehr gesehen. Unser eigenes Grundstück ist weit hinter der Straße, angebunden an ein großes, das vorne liegt, und neben einem, das so groß ist wie die beiden anderen zusammen.

Im vorderen Grundstück lebten zwei alte Leute, deren Tochter mit ihrem Mann „unser“ Haus gebaut hatte, aber sich dann von ihm hatte scheiden lassen, sodass irgendwann meine Eltern, zwei recht junge Stadtmenschen mit zwei kleinen Kindern, dieses Haus kauften.

Hier bin ich aufgewachsen.

An den ungemütlicheren Tagen, besonders im Winter, verschlug es uns häufiger nach nebenan, in die kleine Küche des uralten Fachwerkhauses an der Straße, die von einem Kohlenofen gnadenlos überheizt war (schließlich musste auch der Rest des Hauses etwas abbekommen), wo wir herumsaßen und heimlich hofften, dass unsere alte Nachbarin ins Nebenzimmer ging und uns „Bollsche“ holte: Nimm-2-Bonbons aus einem großen Glas, das sich wundersamerweise von selbst nachuzfüllen schien. Ich aß grundsätzlich orange, meine Schwester gelb.

Wenn wir Glück hatten, sahen die alten Leute fern und wir lümmelten uns mit ausgestreckten Beinen auf der Plüschcouch und genossen diese Tätigkeit, die uns unser Zuhause in Ermangelung eines Fernsehgerätes nicht bieten konnte. Wenn nichts interessantes lief, durften wir KiKa sehen, und ich erinnere mich, dass wir ansonsten oft Skispringen ansahen (obwohl mich Skispringen bis heute nicht die Bohne interessiert) und dabei Kekse aßen. Manchmal wurden wir von unseren Eltern dort geparkt, wenn sie Wichtiges zu tun hatten. Mein Leben lang wurde ich nicht einmal von einem_r „Babysitter_in“ gehütet, soweit ich mich erinnern kann.

Der Garten dieser alten Leute bestand zu einem Großteil (also etwa der Hälfte) aus einem Beet, in dem Folgendes wuchs: Erdbeeren, Karotten, Lauch, Kartoffeln, Zuckererbsen. (Sicher habe ich etwas vergessen.) Die Pflanzen waren in Reihen nach Größe geordnet. An mehreren Stellen des restlichen Gartens gab es Himbeeren, die an einem Spalier wuchsen, Obstbäume und einige Johannisbeersträucher. Wir rissen uns um die Erdbeerernte und die der Zuckerschoten, an den restlichen Sträuchern räuberten wir, was das Zeug hielt, auch weit vor Erntezeit.

Als ich elf oder zwölf Jahre alt war, stürzte die alte Frau, während sie gerade die Wäsche aufhängte; mein Vater sah es und sprintete aus dem Haus. Ich verstand die Aufregung nicht, sie war nur auf die Knie gefallen, als sei sie gestolpert. Sie kam ins Krankenhaus, blieb eine Weile dort und kam wieder nach Hause. Irgendwann kam sie wieder ins Krankenhaus und ein paar Tage später holte mich meine Mutter vom Bus ab und erzählte, dass sie gestorben sei. Ich war so trotzig, dass ich deswegen nicht geweint habe, auch bisher nicht. Es wird schwierig sein, wegen eines Menschen zu weinen, der schon seit Jahren tot ist und an den man nur verschwommene Erinnerungen hat, also versuche ich es nicht.

Als nächstes erinnere ich mich, dass das Beet allmählich verkleinert wurde, weil es für meinen Nachbar schwer wurde, es allein mit zunehmendem Alter zu bewirtschaften. Zum Schluss war noch ein Streifen übrig, auf dem frei gewordenen Stück spielten wir manchmal „Federball über die Wäscheleine“. Seit einigen Jahren ist es ganz weg, dafür ist dort nun viel Rasen. Er hörte auf, seine Kirschen selbst zu ernten, dafür stellte er ein paar jüngere Leute an, die in den großen Kirschbäumen herumkletterten. Einer der Kirschbäume wurde zu alt und musste „umgemacht“ werden, was mir nicht ungelegen kam (früher hatte ich Alpträume, eben dieser Baum würde brennend umfallen und uns dem Weg aus dem Garten versperren), dafür wurden mehrere kleine Apfelbäume gepflanzt, die noch heute klein sind. Er hörte auf, seine Pfingstrosen zu ernten und noch im Knospenzustand auf dem Markt zu verkaufen, stattdessen blühten sie im Garten in ihrer vollen Pracht auf und verwelkten dann. (In einem der frühesten Blogbeiträge ist ein Foto ebendieser Pfingstrosen.)

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Dann ging ich weg für ein Jahr, und konnte den Gedanken nicht vertreiben, dass ich mich vielleicht zum letzten Mal in der Gartenlaube verabschieden würde, mit sehr lauter Stimme, jedes Wort betonend. Es war ein halb von Sensationslust getriebener Gedanke und ich schäme mich bei der Erinnerung daran, aber vertreiben ließ er sich dennoch nicht. Mein Nachbar pflegte dazusitzen und mit einer Lupe die Regionalzeitung zu studieren und jedes Mal, wenn ich in der Laube vorbeischaute, konnte ich es nicht lassen, mir die harten Stacheln der riesigen Aloe-Vera-Topfpflanze in die Fingerkuppen zu drücken. Ich muss 16 Jahre alt gewesen sein, als ich das Aufzieh-Blechhuhn von seinem Stammplatz im Eckregal in die Hand nahm, den kleinen Vierkant darin drehte und es über den Tisch wackeln ließ, fasziniert davon, dass es nach Jahren des unberührten Herumstehens noch nicht eingerostet war, doch vermutlich war dasselbe auch schon viele Jahre vor meiner Geburt der Fall.

An Weihnachten luden meine Eltern jedes Mal Nachbarn der beiden anderen Grundstücke ein, „für eine Stunde“ herüberzukommen, auf Tee und Kekse, nach der Bescherung, sodass für uns Kinder eine kleine zweite Bescherung stattfand. Zumindest war das ab irgendeinem Jahr so, denn so lange hatte die Tochter meines alten Nachbarn gebraucht, bis sie wieder einen Fuß in dieses Haus setzen konnte und wollte, in dem sie selbst einmal gelebt hatte und mit dem sie wohl nicht nur gute Erinnerungen verband. Eines der spätesten Bilder der alten Frau ist es, wie er sie vorsichtig die Treppe vor unserer Haustür hinuntergeleitet und sie unten angekommen ihren Arm in seinen hakt, wie die beiden sehr langsam den Gartenweg zurück zu ihrem eigenen Haus gehen, zwischen den Buchsbaumhecken im schwachen Licht der Gartenlaternen. Einige Jahre später war es ein ähnliches Bild, nur dass nun seine Tochter ihn die Treppe vor der Haustür hinuntergeleitete und ihn danach stützte, um mit ihm sehr langsam den Gartenweg zum alten Fachwerkhaus an der Straße entlangzugehen, nachdem er irgendwann gesagt hatte, er könne nun nicht mehr und er wollt „mal nach’m Bette“.

Er ist nun irgendwann im Dezember gestorben (ich habe es ewig nicht fertiggebracht, diesen Blogpost fertigzuschreiben), ich war gerade im Studentenwohnheim, als meine Mutter mir eine Mail schrieb und ich rief zurück und weinte, und meine Mutter weinte, und bei der Beerdigung weinten so ziemlich alle (bis auf mich, weil ich der blöden katholischen Kirche, in der wir saßen, diese Genugtuung nicht geben wollte), meine Geschwister und die ganzen Leute aus dem Dorf, die ich kenne, seit ich klein bin, aber immer nur flüchtig. Wir saßen im Restaurant des Schwimmbades unserer Kleinstadt hinterher, es gab nichts, was ich veganismusbedingt hätte essen wollen, meine Schwester und ich unterhielten uns mit halbfremden alten Menschen und am Ende, als die anderen gegangen waren, noch mit der Familie meines Nachbarn: Seiner Tochter, seiner Enkelin, ihrem Mann und ihrem Sohn. „Weißt du noch“, sagte seine Enkelin zu mir“, als du das letzte Mal weggegangen bist und wir waren gerade alle im Garten und du bist nochmal hingegangen und hast Tschüss gesagt, obwohl du es eilig hattest. Als ob du…als ob es…“

(Natürlich ist es Humbug, ich bin nicht extra hingegangen und habe Tschüss gesagt, weil ich eine Ahnung hatte, dass er bald sterben könnte, sondern nur, weil man mir beigebracht hat, respektvoll zu den Leuten im Dorf zu sein und Höflichkeit zu wahren, und auch, weil ich wusste, dass es nur noch so schlecht sah, dass er mich kaum bemerkt hätte oder mich zumindest nicht hätte einordnen können. Deswegen bin ich am Kirschbaum vorbeigesprintet und habe ihm die Hand gegeben, statt nur im Vorbeigehen zu rufen, bevor wir zum Bahnhof fuhren, um den Zug zu kriegen.)

Danach gingen wir durch die leeren Straßen zu unserem Auto zurück und mein Vater sagte in die Stille hinein: „Nun ist er wirklich nach’m Bette gegangen.“

Das hatte ich auch schon die ganze Zeit gedacht.

Geburtstag

Heute ist der Abend vor meinem Geburtstag, diesem eigentlich so normalen und doch völlig absurden, überschätzten Tag.

Wie bei allen Dingen ist die schönste Freude die Vorfreude, schon jetzt habe ich es nicht lassen können, mehreren Leuten beiläufig und vermutlich mit kindisch-quietschender Stimme mitzuteilen, dass ich „am Samstag Gebuuurztaaaaag habe“. Das gesamte Wort wird seinem eigentlichen Sinn entrissen, steht ein wenig leer herum, beinahe vergesse ich dabei selbst, dass ich vor soundsoviel Jahren auf die Welt gekommen bin, was vermutlich keine angenehme und auch keine sehr ästhetische Angelegenheit war, sondern im Gegenteil eine Menge Stress und strapazierte Nerven bedeutete. Ganz abgesehen davon, dass dieses Vorkommnis, das alle natürlich ganz toll und bejubelnswert fanden, meine Mutter die Karriere gekostet hat, die sie vielleicht hätte haben können, wenn meine Schwester (eineinhalb Jahre später) ihr erstes Kind gewesen wäre, ein Wunschkind. Vielleicht wären dann ohnehin eine Menge Dinge einfacher gewesen.

Mein Vater hätte in Ruhe zu Ende studiert und nicht zwei Jahre lang mit Müh und Not und einer Doktorandenstelle versuchen müssen, zwei weitere Menschen über Wasser zu halten, vielleicht hätten meiner Mutter und er nach seiner Promotion mehr Muße gehabt mit der Frage, wie es nun weitergehen solle. Vielleicht würden sie dann beide noch heute in Hamburg leben und arbeiten, statt arbeitsbedingt 200 Kilometer nach Süden ziehen zu müssen, und hätten zwei Kinder, die nicht meiner Schwester und ich gewesen wären. Vielleicht würden die beiden auch Medizin studieren und sich wünschen, irgendwann mal (nach einer Kindheit in einer Großstadt) geflegt je zwei Kinder in die Welt zu setzen (natürlich erst mit über 30) und ins Grüne zu ziehen.

Ich wünsche mir keine Kinder. Ich kann mir mich selbst nicht vorstellen beim Ausrichten von Partys mit Papierhüten, mein Veganertum schließt Spiele wie Eierlaufen eher aus, ohnehin würden meine vegetarisch/vegan ernährten Kinder entweder verhungern oder ich würde mich gezwungen sehen, sie aus dem Haus zu werfen, wenn sie anfangen, im Alter von 12 Jahren mit ihren Freunden aus Trotz bei „McDonald’s“ zu essen. Ich würde zusammenbrechen und anfangen, mich selbst und sie gleichartig zu hassen, noch ehe sie Fahrrad fahren könnten, vermutlich noch ehe sie vollständige Sätze bilden könnten.

Ich müsste dankbar dafür sein, ein Kind gewesen zu sein und es so lange sein zu dürfen, wie es mir beliebt, auch jetzt noch, und alle kindlichen oder kindischen Eigenschaften langsam und nacheinander ablegen zu können. Noch immer sind nicht alle davon verschwunden, vermutlich werden sie es auch nicht in näherer Zukunft, und es ist ein Luxus meines westlichen Lebens, dass die Gesellschaft, in der ich lebe, es mir erlaubt, meinen Egoismus feiern zu dürfen und mich „selbst zu verwirklichen“, selbst wenn diese Egozentrik einigen (vielen?) meiner Mitmenschen auf die Nerven geht. „Tut mir Leid, aber ich bin eben so (…)“

Meine Familie, an die ich normalerweise nicht so oft denke im Alltag, wenn ich nicht gerade Ferienjob-bedingt zu Hause wohne, scheint zur Zeit meines Geburtstags unerwartet wieder an Bedeutung zu gewinnen. Das mag nur eine sentimentale Masche sein, vielleicht wird mir bewusst, dass ich die Menschen brauche, die mein Leben so nachhaltig (und wohl nicht nur zum Guten) verändert haben. Noch viel mehr hat es aber wohl mit dem Verfallen in Kindheitsverhältnisse zu tun, das ich am Anfang dieses wirren Beitrags kurz angerissen habe. Geburtstage und Weihnachten wiederholen sich jedes Jahr in einer derartigen Regelmäßigkeit, dass sie wie Meilensteine zwischen allen anderen Veränderungen stehen, es ist, als sei keine Zeit vergangen, zumindest fühlt es sich für mich so an. Neuerungen fallen mir zwar auf, spielen aber in der Gesamtsymbolik keine größere Rolle.

Irgendwann stand fest, dass ich für meinen Geburtstag eine Jacke brauchen würde, weil ich selbst immer zu geizig bin, um solche teuren Dinge anzuschaffen. Als ich sagte, dass ich „mir mal eine suchen“ würde, war meine Mutter enttäuscht und deutete mehr als dezent an, dass sie gerne mit mir zusammen losgehen würde, um eine auszusuchen. (So etwas lässt sich leider schlecht als Überraschung planen, insbesondere mit so kapriziösen Kindern wie mir, die keine Stangenware aus wollen.) Erst, nachdem sie das gesagt hatte, wurde mir klar, wie unendlich traurig und trostlos es gewesen wäre, alleine (!) nach etwas zu suchen, was ich zum Geburtstag haben möchte. Ich habe niemals mit so etwas ein Problem, aber etwas in mir ist sieben oder acht Jahre alt und furchtbar einsam und liebes- und gesellschafts- und familienbedürftig, wenn es um meinen Geburtstag geht.

Dieses Ereignis reißt alle meine Schutzpanzer des Alltags auf und legt die empfindlichen Nervenleitungen bloß, macht mich emotional wie kaum einmal, weil ein Haufen Erwartungen auf ein paar kleinen Stunden liegt, die diese Last kaum zu tragen vermögen. Vermutlich werde ich morgen mindestens einmal weinen. Ob aus Enttäuschung oder aus Freude, das wird sich noch herausstellen. Ach.

Ich werde die Bilder einzeln einstellen und etwas dazu schreiben, das verbraucht zwar Unmengen von Platz und ist nicht so hübsch wie eine Bildergalerie mit Slideshow-Funktion, dennoch sind Fotos von realen Ereignissen ohne Kommentare seltsam.

Es geht los in Brüssel, mit durch-die-Stadt-irren. Hier entstand das erste Foto, neben einem größeren Bahnhof, ein (scheinbar wartender) Hund, dem die Hitze genauso zuzusetzen schien wie allen anderen Lebewesen um ihn herum auch…

Einen Tag später die meisten Bilder in Paris, geknipst auf dem teuersten Film, den ich je gekauft habe: In einem Touristenladen am Boulevard St. Michel, doch noch immer halte ich dieses Geld für mit am schönsten investiert. Der lange, lange Spaziergang quer durch die Innenstadt, mit schmerzenden Füßen:

Am Ufer der Seine:

Vor der Cathédrale Notre Dame:

…Und weiter auf die Nordseite des Flusses:

Hier ging es nun, vorbei am Rathaus (mit kleiner Rast am Rathausbrunnen) in Richtung des Centre Georges Pompidou, das mich trotz (oder wegen?) all seiner Hässlichkeit dennoch fasziniert. Natürlich überall Unmengen von Menschen, an so einem heißen Tag Ende Mai.

An der Außenseite des Louvre entlang Richtung Tuileries, dort nochmal eine Rast, diesmal mit einigen Wolken und einem Wetterphänomen, wie ich sie so abgöttisch liebe.

Müde und hungrig fuhren wir dann mit Paris‘ erster vollautomatischer Metrolinie (gruselig, wenn man so nach vorn in den Tunnel gucken kann und da ist kein Fahrer) nach La Défense, ganz in den Westen, wo uns außer einem Sonnenuntergang nicht viel erwartete und mir – da muss ich der Prinzessin Recht geben – dieser braune Pullover über den Weg lief, noch ehe die Sonne hinter der Grande Arche verschwunden war. Noch nie war ich in einem derart riesigen, gleichzeitig verlassenen und absolut gespenstischen Einkaufszentrum.

Auf dem Rückweg wurde es allmählich Nacht und so kam es, dass unser letztes Ziel – der Eiffelturm – sich beleuchtet und glitzernd vor uns erhob, während wir auf einer Mauer an der Seine saßen, Spekulatiuskekse aßen und all das um uns herum, die Stadt, die Lichter, die gesamte Situation etwas derart Irreales hatte, dass es mir vorkam, als würde ich nur träumen. Ein glücklicher Traum.

Die Welt hätte einfach anhalten können…und gewissermaßen hat sie es wohl auch bis heute getan. Ich zehre noch immer von den Bildern im Kopf, der Erinnerung an die Hitze, den Fluss und das Bewusstsein des Glücks, das mich aufrecht gehalten hat. (Vielleicht tut es das noch eine weitere Woche, durch den Regen hindurch, bis alles allmählich zu verblassen beginnt.)

Nun werde ich wohl beizeiten alt und langweilig werden, denn ich habe es getan: Ich bin in meinen Jugendjahren mit dem Menschen, den ich liebe, nach Paris getrampt. Was will man mehr?