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Schönes #16

Ich habe insgesamt vier Wochen Famulatur gemacht, davon zwei Wochen in der Viszeralchirurgie (Bäuche aufschneiden) und zwei Wochen in der Gynäkologie (Brustkrebs, Gebärmutter- und Eierstockkrebs, Schwangere). Beide Famulaturen waren, um es vorsichtig auszudrücken, ernüchternd. Nach der ersten freute ich mich auf die zweite, doch die hatte eine fast noch schlechtere Bilanz. Ein derart starres Netz von Hierarchien, Geklüngel, Engstirnigkeit und Egozentrik umfängt jede_n, der_die als arbeitende Person diese Bereiche betritt, dass es eins einfängt und eins sich großeMühe geben muss, nicht versehentlich auch noch an der Schinderei mitzuwirken, sei es durch Geläster, unterschwellig gemeine Bemerkungen, den Versuch, andere gegeneinander auszuspielen oder, am schlimmsten, den ganzen Frust an Patient_innen auszulassen (was leider ziemlich häufig vorzukommen scheint).

Vielleicht war es nur Pech. Ich hoffe es. Ich wüsste nicht, wohin mit mir und meinem Wunsch, Ärztin zu werden, wenn ich einsehen müsste, dass mein zukünftiger Arbeitsalltag… so aussehen würde und es kaum eine Chance gibt, irgendwo hinzukommen, wo es anders ist, freundlicher, menschlicher. Wo ein Hinweis einfach nur ein Hinweis ist und nicht ein Verweis mit entsprechendem Vorwurf. Wo die Aussage „das geht jetzt (leider) nicht“ nicht klingt wie „sei still und nerv nicht, wir wollen dich da nicht dabeihaben“. Wo jemand auf Wissbegier nicht reagiert, indem er_sie anderen deutlich macht, sich von der fragenden Person gestört zu fühlen, die immer noch mit im Raum ist. Wo jemand einsieht, dass eins ohne eigene Schuld misinformiert worden ist und etwas daher nicht richtig machen kann, oder noch schlimmer: Wo ein System aus widersprüchlichen Meinungen herrscht, was Arbeitsgewohnheiten betrifft, sodass die lernende Person immer wieder hin- und hergeworfen wird: Befolgst du Anweisungen von A, schnauzt B dich an. Entschuldigst du dich bei B (ohwohl es eigentlich nichts gibt, was du dir hast zuschulden kommen lassen) und änderst deine Arbeitsweise so, dass es B gefällt, kannst du sicher sein, dass kurz darauf A um die Ecke kommt und entsetzt ruft: „Was tust DU denn da!?“. Es ist aussichtslos, darauf zu hoffen, dass A und B untereinander ein klärendes Gespräch bezüglich ihrer divergenten Ansichten führen würden, denn A und B wollen ja dicke Kolleg_innen sein und das Betriebsklima schonen, und du bist nur ein_e dumme_r kleine_r Prantikant_in, da macht es nichts, wenn du einmal zuviel statt einmal zu wenig angeschnauzt wirst.

Ich bin, bis auf die Zeit in Russland, selten so häufig gedemütigt worden.

Ich wurde ganz zu Anfang, an meinem zweiten Tag in der Viszeralchirurgie, vom Chefarzt persönlich gedemütigt, als ich zum ersten Mal bei einer Operation assistieren sollte. Der Chefarzt stand neben mir und trug einen halben Mundschutz. Wer noch nie einen getragen hat: Die Dinger haben vier Bänder (eins an jeder Ecke) und oben ein kleinen, biegsamen, eingearbeiteten Metallsteg. Der gehört nach oben und wird über die Nase gedrückt, sodass der Mundschutz sich dem Nasenrücken anpasst und nicht herunterrutschen kann. Die beiden oberen Bänder und danach die beiden unteren Bänder werden am Hinterkopf zu Schleifen gebunden. (In Kombination mit der großen Schleife der Kopfhaube sieht eins dann ein bisschen aus wie ein Geschenk.)

Nun stand der Chefarzt neben mir und ich konnte seine ganze Nase sehen, mitsamt der Poren und der Nasenhaare. Darunter begann sein Mundschutz, der in seinem Fall wirklich nur ein Mundschutz war. Vor uns lag eine Patientin und war vom Rippenbogen bis zum Venushügel aufgeschnitten, ein Halterahmen spannte ihre Bauchdecke auseinander und ihr Darm lag auf dem Halterahmen, damit im Bauchraum mehr Platz war. Ich war ein bisschen fassungslos, wie jemand einfach munter aus der Nase in diesen Bauch hineinatmen konnte. Der Chefarzt wirkte nicht irritiert. (Manchmal, wenn etwas juckt oder verrutscht und eins sich selbst nicht kratzen kann, weil eins ja steril ist, dann kommt jemand von der OP-Pflege und kratzt, oder rückt die Brille gerade.) Ich stand und stand und wusste nicht, was ich zu ihm sagen sollte; schließlich entschied ich mich für ein bescheidenes „Entschuldigen Sie, Professor, ich glaube (!); ihr Mund-Nasenschutz (!) ist…ähm…heruntergerutscht.“ (Das war das einzige Mal, dass ich jemand mit Prof.-Titel auch tatsächlich mit solchem angesprochen habe, ich hasse diese Schleimerei und Titelgeilheit wie die Pest…)

Der Chefarzt sagte erst nichts. Dann sagte er, geradeaus blickend: „Aha. Ja…dankeschön.“ Er blickte zum Oberarzt, der mit am Tisch stand, und beide…kicherten, wie alte Männer eben kichern, eher ein Schnauben, stimmlos, aber unüberhörbar. Der Rest der OP verlief in sturem Wir-ignorieren-die-Praktikantin-Modus, irgendwann wurde ich dann glücklicherweise auch beinahe-ohnmächtig (wie es mir bei OPs so oft passiert) und trat vom OP-Tisch ab. Die nächsten Male, die ich mit dem Chefarzt operieren durfte musste, traute ich mich nicht mehr, das Thema anzusprechen. Stattdessen fragte ich eine Assistenzärztin auf Station sehr schüchtern danach. Sie druckste herum. Ihr war anzumerken, dass sie beinahe auf Spott gegen mich ausgewichen wäre, um das Thema nicht zu besprechen. Sie entschied sich dann für ein wie-selbstverständlich-klingendes: „Tja, das ist eben einfach seine Art.“ Damit war die Sache für sie beendet.

Letzten Endes war es mein Vater, der tatsächlich einmal eine hilfreiche Idee hatte, und so rief ich die Hygienebeauftragte der Uniklinik an schob ich es zwei Wochen vor mir her, bei der Hygienebeauftragten der Uniklinik anzurufen, um nach dem Ende der Famulatur den Chefarzt persönlich anzuschwärzen.

Heute habe ich es endlich getan. Ich war sehr unsicher, telefonierte mit mehreren Personen, erzählte allen zu ausführlich mein Problem, um dann weiterverwiesen zu werden (so eine Uniklinik ist groß). Hier schließt sich der Kreis zum Titel des Beitrags, und nach all dem Elend komme ich doch noch zum Wesentlichen: Ich habe es geschafft, mit der Hygienebeauftragten, die selbst studierte Medizinerin ist, zu sprechen, und fand bei ihr zwei sehr offene Ohren für dieses so banal wirkende Problem. Sie redete sehr lange über die verfehlte Vorbildfunktion dieses Professors, über „grundlegende Hygienestandards am Situs“ (= OP-Feld = offene_r Patient_in), über „Patientenschutz“, über das Alter dieses Chefarztes und die Ansicht solcher Männer (denn solche sind es beinahe immer: 1. alte 2. Männer; ich habe noch nie eine weibliche Chefärztin erlebt), sie seinen „Halbgötter in weiß“ und seien so gut, dass sie „auch locker einen Kaiserschnitt auf einer Kuhwiese durchführen könnten“.

(Das erinnerte mich an den Famulaturbericht zweier Mitstudenten, die in Indonesien waren und auch berichteten, dass dort ohne Mundschutz operiert werde. Was wohl daran liegt, dass Indonesien schlechte medizinische Standards hat und solche Dinger vielleicht gar nicht vorhanden waren. Hier ist es dasselbe, basierend auf der Arroganz eines alten Mannes.)

Ich telefonierte Die Hygienebeauftragte telefonierte eine halbe Stunde mit mir (ich sagte meistens nur: hm, ja…) und regte sich kräftig über alles auf, und es war Balsam für meine Seele. Nachdem wir aufgelegt hatten, war ich auf eine Art froh und erleichtert, als hätte das meine ganzen deprimierenden Erlebnisse der letzten Wochen ein wenig relativiert, allein durch das Wissen, dass ich nicht nur überempfindlich bin, und dass das System wirklich ein Scheißsystem ist. Zuletzt kündigte sie an, unabhängige Kommissionen „wie zufällig“ die OP-Säle der Viszeralchirurgie inspizieren zu lassen, die Statistiken der Wundinfektionen einzusehen und den ärztlichen Direktor, der der direkte Vorgesetzte der Chefärzte ist, in Kenntnis zu setzen, und ich war ziemlich baff, was ich gerade bewirkt hatte nur mit einem Anruf wegen eines Mundschutzes.

Ich weiß noch, zuletzt sagte sie, dass dieses System sich selbst überhole, dass es solche Formen von Hierarchie und damit verbundener Arroganz nicht mehr allzu lange geben könne und dürfe, dass die Dinge sich ändern würden… und dass ich das im Laufe meines Berufslebens wohl noch erleben würde.

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Ferien

Also hatte ich die letzten vier Wochen Ferien und werde noch eine Woche haben, aber von den gesamten fünf Wochen werde ich vier gearbeitet haben. Es bleibt eine Woche übrig, in der ich mit dem Zauberer weggefahren bin, und zwar mit dem Bus. Wir waren in England. Ich kann erzählen, dass ich Leute kenne, die Engländer_innen sind oder zumindest derzeit in England wohnen, und dass ich die besucht habe; das klingt sicherlich sehr beeindruckend. Vor allem war es schön, zu wissen, wo wir schlafen würden und nicht diese Unsicherheit zu haben, eventuell eine sehr ungemütliche Nacht verbringen zu müssen ohne die Chance, sich am nächsten Morgen anständig waschen zu können. (Ich stelle fest: Mir ist es enorm wichtig, mich morgens einmal zu waschen und mir die Zähne zu putzen. Ich fühle mich sonst grässlich.)

Ich war sehr froh, einen Schal dabeizuhaben, denn es war so fürchterlich windig, dass ich beinah weggeflogen wäre, und manchmal regnete es auch, aber glücklicherweise selten. Am Victoria-Busbahnhof in London, wo wahrscheinlich alle Linien-Reisebusse ankommen und abfahren, die irgendwie im Süden Englands verkehren, gibt es furchtbar viele Obdachlose, und allgemein sind viele Viertel so heruntergekommen, mit kleinen und schmutzigen Häusern, in denen Leute wohnen, die es nicht groß zu stören scheint, dass ihr Haus ihnen irgendwann wegschimmeln könnte. Es ist bedrückend, das zu sehen, egal wie oft eins sich sagt, dass es in anderen Gegenden, anderen Teilen der Welt, noch viel schlimmer ist. In England scheint es in sehr vielen Gegenden so zu sein; in London, in Bristol und in Cornwall war es jedenfalls so.

Dafür gibt es das Meer, was wunderschön ist in seiner Wildheit, seiner Farbe und seiner immerwährenden Anwesenheit, die für mich, wo ich nicht am Meer lebe, etwas Beeindruckendes hat. Es ist so besonders, am Meer entlangzugehen („Spazieren“ kann ich nicht sagen, denn dafür muss eins sich zu sehr gegen den Wind stemmen), oberhalb der Klippen durch die Graslandschaft der Dünen zu streifen, die wie ein fremder Planet aussieht, über die zerklüfteten Felsen zu klettern oder einfach durch die kleinen Ortschaften zu wandern, mit ihren oftmals heruntergekommen Häusern und Häuschen und dazwischen ab und zu eine Palme oder ein großer Farn. Dem Golfstrom sei Dank.

Ich lade einige Fotos hoch:

Möchte ich nach diesen ganzen Bildern, die mich jetzt schon wieder wehmütig machen, überhaupt noch vom frustrierenden und desillusionierenden Alltag der Wochen danach berichten? Eigentlich nicht. Vielleicht ein anderes Mal, wenn auch das wieder in weitere Vergangenheit gerückt ist und somit distanziert und bilanzierend erzählt werden kann. Derzeit knabbere ich noch zu sehr an den deprimierenden Eindrücken, die mich an mir, meinem Verhältnis zu anderen Menschen, meiner Berufswahl und somit auch ein wenig an meiner Berufswahl zweifeln lassen, auch wenn es netto „nur“ zwei jeweils zweiwöchige Famulaturen waren, die mir sowohl mein Interesse an der Chirurgie ausgetrieben als auch meine Freude an der Gynäkologie – nunja – zumindest ziemlich madig gemacht haben. Es zehrt an mir, und das mehr, als es vermutlich sollte. Ich lasse es erst einmal ruhen und warte den Beginn des neuen Semesters ab. Adieu, liebes Blog.

Schönes #14

Genug Mumm haben, um die unfreundlichen beiden Menschen, mit denen in dieser Woche bei allen Univeranstaltungen leider Dauerkontakt besteht, zu ignorieren und sich nicht von ihnen fertigmachen zu lassen. („Unterricht in Kleingruppen“ mit automatischer Gruppenzuteilung sei Dank…)

Mittags im Labor sitzen und alle hier sind so nett und freuen sich, mich zu sehen, mit ihnen ist die Mensa wunderbar, so müssten die Mittagspausen immer sein. Danach keine Angst haben vor der Aussicht, den Nachmittag wieder mit den beiden giftspeienden Drachen zu verbringen, denn sie können mir gar nichts und ich bin viel netter als sie.

Erkenntnis, auch nicht das kleinste bisschen auf ihre Gesellschaft, Sympathie oder Anerkennung angewiesen zu sein. Ich war heute schon viel entspannter als gestern.

Doktorarbeit I

Ich habe eigentlich wirklich Lust, von meiner angefangenen Promotion zu erzählen, auch auf die Gefahr hin, dass es ausschließlich langweilig wird. Vielleicht, weil ich mich immer noch irgendwie privilegiert fühle, dass ich diese, tatsächlich diese Stelle bekommen habe, weil ich scheinbar die einzige Person auf der großen weiten Welt bin, die das spannend findet. Abgesehen von meinem Doktorvater, allerdings wundere ich mich manchmal ohnehin, ob er der menschlichen Spezies angehört, oder ob er irgendwann einer Zellkultur entstiegen ist, die mit Eppstein-Bahr-Viren behandelt wurde, um ihr Superkräfte zu verleihen.

Ich habe diese Stelle nun seit über einem einem Jahr sicher, und seit über einem dreiviertel Jahr arbeite ich hier jeden Tag, und ich habe noch nie wirklich darüber gebloggt. Anfangs war alles noch so unsicher: Ich erfuhr von einem Programm zur Promotion für Mediziner_innen, das an meiner Uni angeboten wird, dann erfuhr ich noch ein wenig mehr, ich schleppte eine arme, unbeteiligte Person zu einer schnarchlangweiligen Infoveranstaltung, ich traute mich nicht. Damals nahm ich psychologische Beratung für Studierende in Anspruch und der innere Widerspruch aus Faszination und grandioser Angst führte dazu, dass ich eine ganze Stunde lang mit der Psychologin in ihrem Büro saß und lamentierte, Flyer für Bewerbungstraining durchging und aus dem Fenster sah. (Nach den Stunden bei ihr erinnere ich mich am allerbesten eigentlich an den Blick aus dem Fenster, das ging mir bei der „echten“ Psychotherapie auch so, ich muss wirklich eine dämliche Art der Gesprächsführung haben.)

Ich bewarb mich auf letzten Drücker und sehr unorganisiert. Mein Mitbewohner musste, von mir telefonisch gesteuert, mein Zimmer auf den Kopf stellen und meine Physikums-Bescheinigung finden, einscannen und mir schicken, weil ich sie vergessen hatte, bevor ich für einen Monat wegfuhr. So schaffte ich es gerade noch rechtzeitig, vor der Deadline meine Unterlagen einzureichen. Es stellte sich heraus, dass das gar nicht nötig gewesen wäre, denn alle Bewerber_innen wurden  ohnehin ins Programm aufgenommen und der wirklich schwierige Teil kam erst noch, denn die Aufteilung auf die Projekte inklusive persönlichen Anschreibens der Projektleiter_innen war nun ganz unsere eigene Sache. Ich schrieb pauschal alle an, die hämato-onkologische Projekte anboten, sich also mit Blutkrebs, Lymphdrüsenkrebs und Knochenmark- bzw. Stammzelltransplantation und den entsprechenden Folgen beschäftigten. Einige antworteten nicht, zweimal wurde ich um ein persönliches Treffen gebeten.

Das erste Treffen fand an einem Samstag statt, die Klinik war ziemlich leer, ich hatte das einzig vorzeigbare angezogen, was in meinem Schrank lag und war dann aber mit dem Fahrrad gefahren, sodass ich ziemlich außer Atem ankam. Ich kannte die Wegbeschreibung zu der Station, in die ich musste, und hatte eine Telefonnummer in der Tasche, die ich anrief, als die Tür nicht aufging. Die nächsten zwei Stunden verbrachte ich mit Nicken und „mh-mh“-sagen, denn dieser Mensch war furchtbar begeistert von allem, was mit seiner Forschung zu tun hatte. Ich versuchte, ein paar zumindest schlau klingende Fragen zu stellen und verließ die Station nach sehr langer Zeit mit zwei Pulikationen in den Händen und einem ganz guten Grundgefühl, gemischt mit dem Eindruck, dass der Mensch eher Werbung für sein Projekt gemacht hatte, dabei hätte doch eigentlich ich Werbung für mich machen sollen.

Das zweite Treffen begann damit, dass ich den Ort nicht fand und, nachdem ich die Projektleiterin persönlich dazu bringen musste, mich von woanders abzuholen, nicht wusste, was ich über mich selbst erzählen sollte. Das Gespräch fand statt mit ihr und einer anderen wissenschaftlichen Mitarbeiterin, mir wurde mitgeteilt, wieviel Wert auf die „Atmosphäre“ im Labor gelegt wird und dass die „Persönlichkeit der Bewerber“ (sic) sehr ernst genommen wurde, dass englisch die Grundsprache sei und die „bisherigen Doktoranden“ das aber nach einer Weile ganz gut hingekriegt hätten. Ich bewundere diese Frau dafür, wie sie sich einer Person gegenüber, die sie eigentlich nicht leiden mochte, so betont freundlich verhalten konnte.

Ich merke hier, ich schreibe sehr parteiisch und vorhersehbar. Alle anderen Menschen in meinem Jahrgang erzählten sich gegenseitig, wieviele Labore und Projekte sie schon angeschaut hätten und noch anzuschauen gedachten, und ich wollte eigentlich nur das erste Projekt, das ich angeschaut hatte und hatte gar keine Lust, noch andere Projekte anzuschreiben und um einen Termin zu bitten. Dennoch überwand ich mich und mailte an die Leiterin des zweiten Projekts, dass es mir sehr gut gefallen hätte und ich mich freuen würde, dort Doktorandin zu sein, nur weil ich Torschlusspanik hatte und befürchtete, im schlimmsten Fall sonst ganz ohne Projekt dazustehen.

Ich wurde glücklicherweise nicht genommen. Stattdessen folgte ein zweites Treffen im ersten Projekt, bei dem ich nicht so recht wusste, wie ich die Klippe der Entscheidungsnotwendigkeit diplomatisch umschiffen sollte und aus Hilflosigkeit recht deutlich wurde. Also erzählte ich vom anderen Projekt und sagte: „Die wollen sich schon bis zum Ende dieser Woche entscheiden, aber eigentlich mag ich dieses Projekt lieber. Ich muss denen eine Rückmeldung geben. Also wenn sie mich nehmen, dann sage ich denen ab.“

Im Nachhinein war das etwas peinlich, denn irgendwie war ich wohl sowieso schon als Doktorandin in diesem Projekt gehandelt worden und hatte das falsch verstanden, als ich dachte, das zweite Treffen sei eine Art Stichwahl oder so. Somit war die Erkenntnis, dass ich nun wirklich ein Projekt hatte, erst im Nachhinein ein freudiges Feuerwerk und im ersten Moment eher Verwirrung.

So begann ich mit diesem Projekt, es war recht seltsam. Ich weiß noch immer nicht, ob ich gut war oder Glück hatte und zu welchen Anteilen beides ein Faktor war…

Patient_innen

Hach, ich bin so professionell geworden – zumindest kann ich ansatzweise so tun, als ob.

Eigentlich wollte ich damit herausplatzen, dass ich tatsächlich glaube, so etwas wie ein “Steckenpferd” gefunden zu haben, ein Fachgebiet, von dem ich nicht immer nur leer rede, sondern das mich wirklich interessiert. Ein Monat ist vergangen, seit ich wieder Uni habe, es stehen schon wieder Prüfungen an, ich werde wie immer schlecht abschneiden (falls ich sie überhaupt bestehe), und ich fürchtete schon, alles zu vergessen, was ich noch erzählen wollte.

Ob es nicht schlimm sei, mit Krebspatien_innen zu tun zu haben. (Natürlich sagen alle nur “Patienten”, genauso wie konsequent “Ärzte” und “Schwestern” gesagt wird. Oh ja, inmitten all des verwirrenden Fortschritts der Sprache steht die Medizin als eine der letzten Bastionen, in denen noch jede_r ungestraft und selbstverständlich diskriminieren darf.) Dann sage ich meistens, dass es eigentlich nicht schlimm war, meistens. Vielleicht bin ich so gefühlskalt, vielleicht auch wie geschaffen für den Umgang mit leidenden Menschen, vielleicht hängt auch beides miteinander zusammen; das wäre mir am unangenehmsten. Vielleicht lag es auch nur an der freundlichen Atmosphäre, die mir entgegenwehte wie die Luft aus einem Fön, dass alles andere mir nicht so schlimm vorkam.

Die Selbstverständlichkeit, mit der das Leiden dieser fast 20 Menschen behandelt wurde, war so eine “aus Gewohnheit”. Es gibt diesen festen Horizont von therapeutischen Möglichkeiten, und danach ist eben das Repertoire erschöpft, da kann eben nichts getan werden, und dies schien beiden Seiten bewusst zu sein und wurde auch nicht angezweifelt. Vielleicht mag ich das so sehr, dass es recht feste Schemata gibt, und wenn Entscheidungen anfallen, muss eins sie nicht immer ganz allein treffen. Wenn Fehler passieren, hat das meist eher mit Vergessen oder mangelnder Kommunikation zu tun. Und dennoch ist es keine kalte Stimmung, die herrscht, die Menschen werden nicht wie am Fließband abgefertigt, irgendwo ist da doch immer Sorge um sie.

Eine Ärztin sagte einmal auf dem Weg zum Mittagessen, dass sie morgens aufwacht und überlegt, was sie heute mit welchen Patienten machen muss; dass sie das eigentlich nervt. An einem ruhigen Tag bekamen wir Besuch von einer, die lange auf “meiner” Station gearbeitet hatte, die Zeit hatte und einfach vorbeikam, dann saßen sie zu dritt am Computer und guckten im Intranet alle Patienten nach, die sie kennen und die gerade auf Intensiv liegen. Ob sie noch leben, und wenn ja, ob sie noch intubiert sind. In der Hämatoonkologie kommen und gehen die Menschen, sie sind wie Bumerangs. Wenn ich länger geblieben wäre, hätte ich alle, die gingen, garantiert nochmal getroffen. Sie kriegen einen Chemozyklus stationär, Betreuung danach, erholen sich langsam, und fahren irgendwann für einige Zeit “Pause” heim. Dann kommen sie für den nächsten Zyklus, werden wieder aufgenommen, alles beginnt von vorn. Wenn ich Krebs hätte, bräuchte ich das wohl auch. So viel Zeit im Krankenhaus zu verbringen muss noch viel ekelhafter sein, wenn eins nichtmal vertraute Gesichter hat, weil alle immer wechseln. Aber so war es etwas anderes.

An einem Tag wurde eine Aufnahme angekündigt, die aus einem anderen Krankenhaus kam wegen unklarer Hypermenorrhoe. Eine Frau, die elf Tage lang ihre Periode hatte und sich deswegen untersuchen ließ, dabei kam eine “eklatante Verminderung aller drei Zellreihen” heraus (Erys, Leukos und Plättchen), mit “akutem Verdacht auf ernsthafte Erkrankung!!”. So stand es ernsthaft im Überweisungsschein und im Dienstzimmer wurde herzlich gelästert. Die Frau hatte eine Freundin dabei, war dick und trug eine Kobmination aus rot, grasgrün und Ringelstrümpfen, sie lächelte und erzählte, dass sie seit zwei Jahren wieder rauche, dass sie in psychologischer Behandlung sei, dass sie Freiberuflerin sei. Was genau, wurde zuerst gar nicht gefragt. Sie war die erste, bei der ich sozusagen die “Abfolge” von Schritten miterlebt habe, die am Anfang einer solchen Erkrankung stehen. Sie wurde mehr oder weniger sofort stationär aufgenommen, ihre Freundin holte ihr Kleidung von zu Hause, sie bekam eine Knochenmarksbiopsie. Sprich, auf dem Bauch liegen, örtliche Betäubung am hinteren Hüftkamm (da, wo diese Kuhle oberhalb des Pos ist), mit einer großen Nadel den Knochen durchbohren und das flüssige Mark aspirieren. Das tut weh, und je jünger die Menschen sind, desto härter sind ihre Knochen, das ist richtig zu spüren. “Meine” Nanny-Ärztin, so klein und zierlich, war ziemlich erschöpft danach. Mit dem Knochenmark werde Ausstriche auf Objektträgern gemacht (schnell, sonst gerinnt es), die kommen dann ins Labor und werden mikroskopisch untersucht.

Nun kam also heraus, dass ihr Knochenmark praktisch nur noch aus Blasten besteht, also unreife Blutzellen, die nichts taugen und alles verstopfen, sodass keine richtige Blutbildung mehr stattfinden kann…eine ziemlich typische Leukämie, außer, dass sie einen fiesen Typ hat (hatte?), der schwer therapierbar ist. Ich durfte bei der Diagnosemitteilung dabei sein, und stand/saß ewig lange mucksmäuschenstill in der Ecke, um nicht zu stören; sie weinte und ihr Bruder, riesig und bärtig, saß verwirrt daneben, ich habe alle Infohefte geholt, die es auf der Station gab. Sie fragte, ob sie denn in etwa vier Monaten halbwegs fit sein könnte, weil sie keine feste Arbeit hat. Darauf fiel der Satz: “Ich kann sie ewig lang krankschreiben, so lange Sie möchten.” – “Nein”, sagte sie, “ich bin Sängerin. Ich muss auftreten.”

Aber es ist utopisch, in so einem Fall. Noch immer stehen auf ihrer Website (ja, ich bin eine Stalkerin) die Termine dieses Sommers, bei denen sie garantiert nicht aufgetreten ist, und ich kann es mir nur so erklären, dass sie wohl anderes im Kopf hat, als ihre Website jetzt zu aktualisieren. Sängerin!, denke ich immer wieder. Ich habe Aufnahmen von ihr gehört (wie auch der Rest der Personals auf Station, wir sind alle Stalker), und sie sind so unglaublich viel besser, als ich es jemals können werde. Natürlich ist diese Frage müßig, aber sie taucht dennoch manchmal auf; warum denn ausgerechnet so jemand so etwas kriegen muss. Es erscheint so ungerecht. Immer, wenn ich danach bei ihr im Zimmer war, zum Blutnabnehmen, war ich  ein wenig ehrfürchtig und manchmal extrem trottelig deswegen. Equipment vergessen, dreimal gelaufen, ZVK versehentlich zweimal angespült, sterile Verpackungen nicht aufgekriegt, nichts schlimmes, aber dennoch peinlich.

Da ist ein älterer Mann gewesen, der Atemnot hatte. Er kam mit einer Sauerstoffsättigung von 85% (ich keuche bei 97%), weil seine Erythrozyten so niedrig waren. Nach etwa 10 Ery-Konzentraten ging es ihm besser, aber seine Leukämie-Diagnose hatte er trotzdem, und mit über 70 waren seine Chancen, die Chemoterapie zu überleben, recht gering. Als jemand ihm die Möglichkeit einer palliativen Therapie erklärte, sagte er gar nichts, und seine Frau neben ihm wäre dem Arzt fast an den Hals gesprungen, dass er es wagen konnte, den Vorschlag zu machen, ihren Mann “einfach sterben” zu lassen. Ich glaube, sie hat die ganze Zeit hindurch trotz vieler Erklärungsversuche das Prinzip nicht verstanden, also entschieden sie sich für die kurative Möglichkeit, und als meine Famulatur zu Ende war, lag er auf der Intensivstation im Sterben, weil durch die Toxizität der Therapie seine Organe nacheinander versagten. Das weiß ich aber nur noch aus Erzählungen; gesehen habe ich ihn da nicht mehr. Ich habe in der Zeit ein wenig drüber nachgedacht, ob ich, wenn mir so etwas jemals passieren sollte, mich selbst als jüngere Person für einen kurativen Therapieansatz entscheiden würde, wenn dieser nicht 100% Effektivität verspricht. Vielleicht sollte ich das einfach hinnehmen und auf eine nettere Art sterben als…naja, so.

Dennoch sind diese Gedanken müßig: Höchstwahrscheinlich würde ich verzweifelt alles in Anspruch nehmen, was mir angeboten würde an Therapie, Schmerzmitteln, Erleichterung. Ich vermute, wenn jemand mir sagte, dass ich für die gesamte Dauer der Erkrankung in ein künstliches Koma versetzt werden könnte, würde ich auch das mit Kusshand bejahen. Denn sich solche heroischen Gedanken zu machen, ist immer leicht, wenn eins nicht wirklich in der betreffenden Situation ist…

Nächste Woche lesen Sie : Warum ich immer vehement behaupte, niieeemals Kinder haben zu wollen, und warum es eventuell doch passieren könnte. Und warum ich jetzt wahrscheinlich trotzdem eine Abtreibung in Anspruch nehmen würde. Warum ich über Leute meckere, die mir ihr glückliches Pärchenleben ins Gesicht klatschen, obwohl ich selber eins habe, mit dem ich versuche, nicht so aufdringlich hausieren zu gehen (was mir vielleicht nicht immer gelingt, weshalb ich anderen damit trotzdem auf die Nerven gehe).

Famulatur

(Dieser Artikel lag ewig unbenutzt herum und ist deswegen nicht mehr ganz aktuell, aber dennoch.)

Morgen ist der allerletzte Tag meiner allerersten Famulatur. Ich habe am vorletzten Tag och einmal frei, weil ich am Samstag vor zwei Wochen für zwei Stunden in die Klinik geradelt bin, um Blut abzunehmen und mit diesem dann ins Zentrallabor und zur Blutbank zu laufen, mich hilflos durchfragend und gleichzeitig meines weißen Kittels schämend, der immer so aussieht, als müsste ich von allem eine Ahnung haben. Die Leute gucken  dann immer so komisch Für diese zwei Stunden Samstagarbeit (die sich nicht so sehr wie Arbeit anfühlten) bekomme ich nun einen ganzen Tag frei, was schon viel darüber aussagt, wie wenig eins dort auf mich angewiesen ist. Und dennoch ist es schön, und erschöpfend, beides gleichzeitig. Ich bekomme (bzw. bekam) die eigene Unfähigkeit täglich geradezu ins Gesicht geworfen, obgleich ich niemals direkt dafür kritisiert wurde, wahrscheinlich nichtmal indirekt. Im Gegenteil, ich bin mit einer solchen zugewandten Freundlichkeit behandelt worden wie in keinem meiner Pflegepraktika, wo ich (auf anderer Ebene) sehr viel nützlicher war und dennoch weniger entspannte Nettigkeit in Erinnerung habe. Vielleicht tue ich damit auch den Stationen, die ich kennengelernt habe, Unrecht.

Ich weiß noch, wie ich am ersten Tag erschien, um halb acht Uhr morgens und hochmotiviert, und dann über eine Stunde hilflos wartend im Arztzimmer der mir zugewiesenen Station herumsaß, nicht wagend, nochmals Leute mit meinen Fragen zu belästigen, denn besonders morgens ist ja in Krankenhäusern außerordentlich viel zu tun und alles passiert mehr oder weniger gleichzeitig. Um zwanzig vor neun erschien eine gepflegte Endzwanzigerin, die sich als erstes Pumps mit niedrigen Absätzen anzog und sich entschuldigte, dass sie nichts mit Famulant*innen anfangen könne, weil sie selbst erst drei Monate hier arbeite. Weiters erschien eine andere gepflegte Endzwanzigerin mit blonden Haaren und ein griesgrämig dreinschauender Mittvierziger mit sportlicher Brille; all diese Menschen sahen und sehen so professionell aus, so glattgebügelt, so patient*innenfreundlich, wie Bedienstete im Luftverkehr, nur mit komplizierterer Ausbildung. Ich brauchte eine Weile des schüchternen Herumsitzens und bloß-nicht-im-Weg-sein-wollens, um festzustellen, dass sie sehr wohl Menschen mit richtiger, eckiger Persönlichkeit sind (wenn doch in ihren Haltungen sehr angepasst).

Danach versuchte ich, mir in keinem Patientenzimmer anmerken zu lassen, dass dies meine erste Famulatur war, ich ließ mir alles zeigen und nickte wie eine prüfende Sachverständige, kam mir ein wenig vor wie Kim Jong Un. Dabei tönte in meinem Kopf nur pausenlos: „Das sollst du selber machen? Nie im Leben? Wie funktioniert das? Du hast es dir jetzt schon zehnmal angesehen und noch immer noch begriffen! Aber du musst jetzt! Du musst!“ Blutabnehmen aus der peripheren Vene, Blut abnehmen aus dem ZVK, Blutkulturen mit Vacutainer-System (sterile Dinge aus Plastik verschrauben, größere Stichkanülen), Anforderungsscheine ausfüllen, Aufnahmen machen… Hilfe, Hilfe. Zumindest das Legen von Viggos (also peripheren Venenverweilkanülen) wurde dank Anfängertum (noch) nicht von mir erwartet.

Bei allen anderen Sachen durfte ich nur zusehen, musste aber nicht (wollte aber immer), und so sah ich mehrere ZVK-Anlagen, alle Subclavia, einige Knochenmarkpunktionen, drei Lumbalpunktionen, eine Nasensonden-Anlage (volles Programm mit literweise Erbrochenem), und vier Stammzelltransplantationen, von denen ich die letzte selber machen durfte (ehrlich, es ist nur ein ganz kleines bisschen Luft in den Infusionsschlauch gekommen, und ich habe schnell angehalten, als ich es gesehen habe). Eigentlich sollte ich auch noch eine Knochenmarkpunktion selber machen, aber ich war ohnehin skeptisch, ob ich das schaffe, und ein ungeduldiger Arzt machte dem sowieso einen Strich durch die Rechnung, indem er es selbst tat.

Dazwischen lief ich hilflos hinter den weißbekittelten Menschen her, wenn sie in die Kantine gingen, in der es selten etwas veganes zu essen gab und wenn, dann nur aus Versehen. Ich bin sicher; hätte ich die Küche darauf hingewiesen, dass einige ihrer Gerichte tatsächlich sowohl Fleisch als auch Milch und Ei entbehren…ich hätte beim nächsten Mal Sahne darin gefunden. Beziehungsweise eine kleine 21 in der Allergenliste, für „Milchprodukte und daraus hergestellte Erzeugnisse“. Ich habe am Ende des Monats die Allergenliste der Cafateria besser auswendig gekonnt als die Entwicklungsschritte der hämatopoetischen Zellreihen. In der Kantine sagte ich nichts, es ist schwierig, sich innerhalb von einem Monat in eine Gruppe von Menschen zu integrieren, wenn eins das nichtmal in zweieinhalb Jahren ordentlich schafft.

Und ach, Leute habe ich getroffen…im hoffentlich folgenden nächsten Artikel versuche ich, ein bisschen näher zu beschreiben, einfach so von der Seele, es tut gut, auch wenn niemand es liest.

Unikram

Es ist Sommer, tatsächlich, unbemerkt hat sich der Juli vorbeigeschlichen, heute ist ein Film in meiner Kamera fertig geworden, der erste seit Monaten, ich bin oft müde und arbeite viel, lerne nebenbei – nein, ich kann mich über Leere wahrlich nicht beklagen.

Normal ist das Leben geworden, auf eine Art, die ich würdigen kann und mag; ich bin umgeben mit Dingen und Menschen, mit denen ein durchschnittliches westeuropäisches Individuum in den meisten Fällen umgeben ist, und mir gefällt der Gedanke, dass das alles um mich ist wie ein Netz, eines, in das ich falle, wenn meine eigenen Stricke gelegentlich reißen, was sie durchaus mal tun. Es ist, alles in allem, nicht allzu viel. Eltern und Geschwister, ein Zuhause in dem kleinen Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, in dem die Orte meiner Kindheit sind, die Flüsse und Felder und zwei beglückende Kaninchen. Und ein Zuhause in der Stadt, das ich selbst bezahlen muss und in seiner Kleinheit mal beschützt, mal beengt, Freiheit gibt, aber auch nimmt.

Dazu kommen die Leute, mit denen ich zu tun habe und Gedanken, gelegentlich Gefühle austausche, die ich ab und zu sehe, es sind nicht viele, meistens reichen sie mir. Ach, immer und immer wieder muss ich mir vor Augen halten, welche Dankbarkeit in mir sein sollte für diese paar hartnäckigen Menschen, die auch Sendepausen meinerseits ignorieren und mir erhalten bleiben. Ich kann die Liebe, die in mir ist, projizieren, sodass sie nicht eingeht, und dort stößt sie nicht auf Ablehnung. Gelegentlich krault man mir den Rücken.

Es gibt Themen, die besprechenswert sind, kleine, aber deutliche Akzente eines sich ständig ändernden Charakters, die viele für ihre Assimilation beim Kennenlernen benutzen können, die diese kleinen Ecken und Kanten respektieren oder auch nicht und somit als potentielle nähere Menschen für mich einzuordnen sind.

Und dann die Uni – auch in den Ferien omnipräsent, jede Prüfung ein Grund zu zittern, sie schwebt so oft als Big Brother über allen anderen Tätigkeiten. Noch immer dabei und im Rennen, das grenzt an ein Wunder, ein gar nicht kleines. So viele Denkanstöße gibt sie trotz reiner Orientierung am Pflichtstoff, sie beeinflusst mein Welt- und Menschenbild, fördert Toleranz, in manchen Aspekten aber auch die Erkenntnis der Wichtigkeit von Selbstschutz.

Da war neulich der Gedanke, dass dieses Studium – Medizin, auf die allgemeine Frage Fremder oft eher drucksend hervorgebracht – tatsächlich alle anderen Dinge übersteigt, die ich in meinem Leben wollte, und gleichzeitig alle Dinge, die ich vielleicht einmal mehr wollte, im Laufe der Zeit überlebt hat, als recht klarer und langfristig beständiger Wunsch. Dann kam, irgendwann, der Wunsch dazu, ein wandelndes Nichts zu sein, im wahrsten Sinne des Wortes mit der Welt anzuecken und zu diesem Zweck zunächst einmal eckig zu sein. Dieses Begehren hat es tatsächlich geschafft, alle anderen Säulen (denn nichts anderes stellen die oben aufgezählten Dinge dar) nach und nach ins Wanken zu bringen. Diese Mechanismen sind bekannt; wir alle sind wohl schon mit der Materie in Berührung gekommen, haben Dokus über fast durchsichtige junge Mädchen gesehen, die wegen eines Stücks Paprika oder eines Joghurts einen Weinkrampf bekamen und haben selbst zwischen Mitleid, Befremdung und Verachtung geschwankt.

Nun habe ich nicht wegen Paprika geweint. (Wegen Joghurt allerdings schon ab und zu.) Weinen tut man eine Menge als Möchtegern-Lufthauch (welch ein Widersinn eigentlich) und da ist die Erinnerung an solche leidigen Tage, die wirklich vieles versaut haben, sich zu häufen begannen, bis ich irgendwann wusste: Dies ist der erste und vielleicht einzige Grund, der es tatsächlich schaffen könnte, alles ins Wanken zu bringen, was da an Träumen ist. Dann begann das große Abwägen. Natürlich siegt das Herz bei 90% aller und bei 100% aller befriedigenden Entscheidungen über den Kopf, und natürlich kann eine solche Herzsache wie das eigene, praktisch Intimsphäre-kongruente Körpergefühl (Dünnsein), kaum über das eher rationale Wissen triumphieren, dass eins sich auf diesem Wege vielleicht die allergrößte Chance der eigenen Jugend ruiniert.

Hier kam Big Brother ins Spiel; das, was die Uni in meinem Kopf (und meinem Herzen) repräsentiert. Ich bin heute bereit, das als eine Art kleines Wunder anzuerkennen, es womöglich auch übertrieben zu verklären, solange diese Verklärung guttut. Es hat den Anschein, als ob mein Hängen an diesem Studium, diesem Studienplatz, in jeder Hinsicht triumphiert hat über die dümmliche Idee, ein zartes Elflein sein zu wollen – oder, mit anderen Worten, höchstens 49 Kilo zu wiegen, was letztendlich dazu geführt hat, dass ich eine strenge, spitznasige Psychotherapeutin aufsuchte, die diesen „wunden Punkt“ recht schnell gefunden hatte und der zuliebe ich das häufige Gerede über progressive Muskelentspannung, selbstheilende Aura und „Balance“ ertrug. Und lernte. Durchfiel und wieder lernte, und wieder. (Und wieder. Testate kann man unendlich oft wiederholen.) Den ganzen Sommer lang, dann nach dem Winter wieder, bis zu diesem Sommer. Nun stehe ich hier und habe keine offenen Rechnungen, keine Schulden bei mir selbst, und ja, verdammt. Ich bin stolz darauf, mehr wohl, als ich es dem gesunden Menschenverstand nach sein sollte. Ich werde gehen müssen und mich bei meiner Therapeutin bedanken.

Einen Kniefall vor meiner Uni muss ich nicht tun, das habe ich bereits unzählige Male, wenn auch nur in Gedanken, bei einem flüchtigen Blick zurück auf dem Heimweg getan. Falls das Bild nicht schon in irgendeiner Sammlung herumschwirrt: Dies ist die Medizinische Hochschule Hannover, die den Großteil meines Lebens und meiner Lebensplanung bestimmt, ich hasse sie (in einigen Punkten) und ich danke ihr.

Abendstille

So allmählich wird es dunkler um mich herum, auf dieser Wiese. Uni-WLAN sei Dank. Über mir spannt sich ein blaugrauer Himmel zwischen den schwarzen Silhouetten der Blätter, kein Mensch weit und breit, sogar die Vögel sind inzwischen verstummt. In zwei drei drei Labors brennt noch Licht, doch sogar der Geruch der anatomischen Sammlung (deren Milchglasfenster auf diese Seite des Campus hinausführen) hat sich inzwischen verflüchtigt. Sehr weit weg kreischen Mädchen, die den Abend auszukosten scheinen mit Alkohol und lauter Musik irgendwo hinten bei den Schwesternwohnheimen. Sogar das Gras scheint inzwischen schwarz zu sein, das Display des Laptops wirft blassweißes Licht auf meine torkelnden Hände.

In meinen Ohren Philip Glass.

Es ist Sommer. Nun ist Sommer. Ich kann es wohl unmöglich noch leugnen, und beinahe fürchte ich mich ein wenig davor, so wie ich mich vor dem Erreichen jedes Zenits fürchte.

Im Augenblick, in dem mir bewusst wird, dass es gerade angebracht wäre, das höchste Glück zu empfinden, die Gegenwart ohne Hintergedanken zu genießen, scheint es, als sei etwas im Getriebe defekt, es knirscht und hakt und auf einmal gibt es die ersten Grübeleien über später. Dass es wieder kälter werden könnte, in diesem Fall. Dass ganz allgemein etwas vorbeigehen kann, so gut wie immer. Die Gewissheit, dass nichts für ewig bleibt, verursacht Verlustgedanken ab dem Moment, in dem der Aufstieg überwunden scheint. Das langsame Herantasten an die Sonne, das Ablegen der Jacke, mittags an trockenen Tagen. Auf einmal, Mitte März, eine Wärme, die zum Barfußlaufen einlud und doch ein kurzlebiges Wunder war, welches als solches akzeptiert werden konnte und auf die keine Wut über die darauf folgenden Regentage zu schieben ist. Nun jedoch kann niemand mehr von einem Wunder sprechen, warme Tage im Mai sind warme Tage im Mai, ganz normal und seit Januar langersehnt, weil von jedem insgeheim erwartet.

Dann verfluche ich meinen Mangel an jener Fähigkeit, weniger Gedanken zu haben; weniger zu grübeln, als gut ist.