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Substitution

Wie ich in der letzten Zeit leidvoll lernte, ist es sehr, sehr schwierig, Vitamine und Spurenelemente zu substituieren. Eigentlich sollte das kein allzu großes Problem sein. Eigentlich sollte eins meinen, der menschliche Körper sei schon darauf ausgerichtet, immer genau das zu bekommen, was er braucht, und höchstens bei Ernährungsformen wie Veganismus sei es angeraten, mehr auf so etwas zu achten. Eigentlich ist das ein Irrtum. Ich habe sogar den Eindruck, die ganze „woher bekommst du denn deine ganzen Vitamine“-Debatte hat sich so sehr in Richtung Vegetarismus/Veganismus verschoben, dass Fleischfresser_innen eigentlich gar nicht mehr darüber nachdenken, ob sie eventuell in die eine oder andere Richtung unterversorgt sein könnten. Und das, obwohl viele von ihnen es wohl irgendwie sind. Da sind die Menschen, die selten rausgehen und/oder dick angezogen sind und/oder dunkelhäutig in einem nördlichen Land leben und prompt steht Vitamin D-Mangel vor der Tür. Eine Studie in New York hat junge Frauen getestet, von denen hatte im Winter die Hälfte einen teils massiven Vitamin-D-Mangel, und von den Schwarzen Frauen drei Viertel.

Eine chronische Erkrankung wie HIV/AIDS oder Alkoholismus führt aus verschiedensten Wegen zu Vitamin- oder Spurenelementmangel, durch Verwertungsstörungen im Körper oder gestörte Aufnahme aus der Nahrung, oder auch, weil die entsprechende Nahrung gar nicht mehr zugeführt wird (Stichwort Gemüse, was Menschen, die sich fast ausschließlich von alkoholischen Getränken ernähren, kaum mehr essen).

Der Zauberer und ich, und das traue ich mich kaum zu sagen, saßen vor einiger Zeit auf der Couch und beratschlagten weitere Details des Ernstfalls, dass ein matschiger und noch dazu veganer Mensch wie ich einen komplett anderen und noch dazu schnell wachsenden Menschen monatelang in sich beherbergen könnte. Das klingt schon in der Theorie kompliziert und es wird zunehmend komplizierter, wenn eins sich Gedanken über so etwas macht wie: Selen. Oder verschiedene Arten von Cobalamin.

Ich fange einfach beim Letzteren an; Cobalamin ist das, was wir „Vitamin B 12“ nennen, und es ist…kompliziert. Einerseits gibt es mehrere verfügbare Formen, in denen wir es aufnehmen können. Sie sind unterschiedlich gut verwertbar, weil der Körper unterschiedlich viele Reaktionsschritte braucht, um daraus die bioaktive Form zu machen, die er benutzen kann (um DNA zu bauen, zum Beispiel Nervenzellen oder rote Blutkörperchen). Daran sind verschiedene Enzyme beteiligt, von denen einige gut, andere eher träge arbeiten. Einige Cobalamin-Formen sind komplett synthetisch.

Wenn jemand ein B 12-Präparat zu Hause herumliegen hat, möge er_sie mal daraufsehen und herausfinden, welche Bindungsform das ist. Die häufigsten beiden sind: Cyano-Cobalamin und Methyl-Cobalamin. Es gibt zwar noch andere Formen, aber diese beiden kommen eigentlich als einzige im Handel vor.

Und dann gibt es diese Menschen, die sich denken: „Cyano?! War da nicht was? Blaualgen? Blausäure? Böse!“ – Ja, In Cyanocobalamin ist das Vitamin, an der wir heranwollen, tatsächlich durch sehr geringe Mengen Cyanid gebunden. Allerdings so geringe Mengen, dass sie unserem Körper nichts anhaben können, und sie werden schnell abgebaut und als ungefährliches Endprodukt ausgeschieden. Es besteht also kein Grund zur Sorge. Manche Menschen machen sich allerdings Gedanken darüber, dass von der Menge Vitamin B12, die wir aufnehmen, nur ein sehr kleiner Teil unsere Zellen überhaupt erreicht. Bei Cyanocobalamin braucht es mehrere Stufen der Umwandlung im Körper, bis es überhaupt in der biologisch aktiven Form vorliegt und somit verwertet werden kann. Ist der Körper ein bisschen träge oder fehlen ihm bestimmte Enzyme, dann schafft er es nicht oder kaum, aus der (meist lustig schmeckenden) Tablette das zu machen, was er benutzen kann. Kann das gemessen werden? Nein. Und wenn es das könnte, könnten wir es uns finanziell leisten? Nein. Weil wir von dem Geld lieber achtmal ins Kino gehen. (Viel Info zu verschiedenen Tests gibt es hier.)

Sicherer ist hier Methylcobalamin, das sehr viel schneller und mit nur einem Umwandlungsschritt biologisch aktiv ist. Deswegen ist es auch dreimal so teuer. Weil meine Frauenärztin und sowieso alle Leute uns vorwarfen, wir seien so unverantwortlich, eine vegane Schwangerschaft zu versuchen, gönnten wir uns diesen Scheiß von einer Möchtegern-anthroposophischen Feelgood-Firma und seitdem lutsche ich Vitamin-B12-Tabletten (yup, wird über die Mundschleimhaut aufgenommen), die so exorbitant hohe Mengen B12 enthalten (44.000% des angeblichen Bedarfs) , dass jeder vermeintliche Mangel damit wohl Geschichte ist. Soweit bekannt ist, kann eins B12 nicht überdosieren. Menschen, die eine Aufnahmestörung oder einen schweren Mangel haben, bekommen das Zeug in ähnlicher Dosis per intramuskulärer Depotspritze. (Der Zauberer kaut die Tabletten und schluckt sie pulverisiert runter, was eine gigantische Verschwendung ist, aber angeblich sind sie zu lecker, um es nicht zu tun. Sie schmecken nach Orange.)

Mit Vitamin D ist es einfacher. Am einfachsten ist es wohl, in die Sonne zu gehen, oder zumindest tagsüber mal nach draußen, und das Gesicht gen Himmel zu halten. Und nein, UV-Licht kommt nicht durch Glassscheiben, am Fenster sitzen gilt nicht. In der Sowjetunion haben sie die Kinder im Kreis um UV-Lampen aufgestellt, das sah dann so aus.nyqjv9i(Quelle: http://airductpros.org/uv-light/)

Das UV-Licht stößt in der Haut einen Prozess an, durch den letztendlich vom Körper Vitamin D produziert wird. Deswegen müssen Menschen mit dunklerer Haut mehr darauf achten, denn wem UV-Licht weniger anhaben kann, der_die ist hier im Nachteil.

Aber wenn Winter ist und alles sich eklig anfühlt, was über den Radius des Bettes hinausgeht, dann dürfen es eben auch mal die Vitamine aus der Drogerie sein, denn eigentlich sind die nicht schlimm. Sie wirken nicht anders als das „natürlich“ produzierte Vitamin D. Es nervt nur eben, diese kantigen, Würgreiz-verursachenden, widerlich schmeckenden Brocken runterzuschlucken. Unsere Omas nehmen die alle, weil alte Frauen Osteoporose-gefährdet sind und Vitamin D nunmal den Aufbau der Knochen bewirkt. Also dass die kleinen Zellen, die Knochengewege aufbauen, aufwachen und denken: „Yay, wir müssen Knochen bauen, denn das ist das einzige, was wir können!“. Dann besiegen sie in einer dramatischen Schlacht die kleinen Zellen, die die Knochenstruktur abbauen wollen und…naja.

Wenn ihr Tabletten in der Drogerie kauft, dann achtet bitte darauf, solche zu nehmen, wo auch Kalzium enthalten ist. Denn Knochenaufbau passiert durch Vitamin D immer, und irgendwoher nimmt der Körper sich auch sein Kalzium immer, zur Not halt aus den Muskeln, was nicht so gut wäre. Und die Omnivoren und Laktos unter euch, die jetzt sagen: „Aber ich trinke doch Milch, und Barbara Schöneberger hat gesagt, die hat ganz viel Kalzium!“ – Barbara Schöneberger wurde von der Milchindustrie dafür bezahlt und außerdem hat Milch nicht soviel Kalzium und hemmt noch dazu die Kalziumaufnahme. Sprich, wenn ich dieselbe Menge Kalzium durch was anderes aufnehme, habe ich viel mehr davon.

Also: Wo Vitamin D ist, muss auch Kalzium sein. Die Veggies unter euch: Achtung, in manchen Kombipräparaten versteckt sich Gelatine.

(Und weil das hier mein Blog ist, noch an die Omnivoren: Was aus euch wird, ist mir sowas von scheißegal. Bisher nichts Gutes offensichtlich.)

Dieser Artikel hat scheußlich wenig Links und wenn jemand eine Quelle möchte, dann grabe ich dafür im Internet, bis ich das gefunden habe, was ich hier erzählt habe. Vieles weiß ich aber auch bloß vom Studium, das meiste ist eh Zeug, was alle wissen, und da kann ich keine Originalquellen angeben.)

Bis dann, ihr Zaubermäuse.

 

Sommer

Er ist vorbei. Ich liege in meinem großen Bett, ich bin nackt und frisch aus der Badewanne geklettert, und draußen prasselt der Regen gegen die Scheibe, der, ich meine es zu spüren, mich eben in diesem Moment von diesem Sommer verabschiedet. Vielleicht werden noch warme Tage kommen, es ist sogar recht wahrscheinlich, doch es werden, wenn, dann goldene Herbsttage sein, und nach diesem Wochenende schließen die Freibäder meiner Stadt.

Ich bin weggefahren in diesem Sommer mit dem Zauberer; wir waren in Polen und haben gezeltet und sind viel mit dem Zug gefahren, haben sehr viele getrocknete Tomaten mit Weißbrot gegessen, uns gefreut, dass alles so billig ist, und doch zuviel Geld ausgegeben. in sieben polnischen Städten waren wir und Breslau hat mir von allen wohl am meisten gefallen. Krakau war auch wunderschön, doch außer uns fanden das noch sehr viele andere Leute, und das machte es sehr anstregend.

So viele Tage in spartanischen Verhältnissen haben mich ermüdet, ich muss es ehrlich gestehen. Der Verfall der eigenen Standards ist kaum übersehbar, und ich habe es alles mit Fassung getragen, habe meine Hand eine Stunde lang über den Abfluss eines Waschbeckens gepresst, das keinen Stöpsel hatte und in dem der Zauberer mit geklauter Handseife unsere Klamotten gewaschen hat. Gelegentlich habe ich uns in ein Café komplimentiert, dort so getan, als sei ich hübsch angezogen, und möglichst elegant extravagante Getränke bestellt, damit es sich auch zum Teil wie ein schicker Urlau anfühlt. Das war so halberfolgreich.

Wir waren dann noch in Schweden, wir sind in einer sehr langen Odyssee von Lötzen in den Masuren nach Danzig, von da abends nach Gdingen gefahren (was sehr in der Nähe liegt), haben dort am Meer zwischen lauter feiernden und betrunkenen Leuten bei Regen im Zelt geschlafen und sind frühmorgens mit einer Fähre elf Stunden lang über die Ostsee gefahren, bis wir in Karlskrona, Schweden ankamen. Wir haben auf einer winzigen Schäreninsel gecampt, sind am nächsten Morgen in den nächsten Zug gestiegen und kamen auf diese Art zu meinen sowas-wie-Schwiegereltern nach Göteborg, die uns in ihrem Ferienhaus aufgenommen haben, wo wir eine Woche mit Kanufahren, Pilze sammeln, Blaubeeren sammeln und Trödelhändler besuchen zugebracht haben.

Es war so warm, oft unerträglich heiß, und inzwischen sind einige Narben von aufgekratzten Mückenstichen nur noch kleine weißliche Flecken auf meiner Haut. Meine Arme haben die Farbe von Milchkaffee angenommen und wer meine Brüste sieht, kann erkennen, dass der Rest von mir Sonne gesehen hat. Ich habe meine Haare abschneiden lassen und sehe jetzt aus wie Spock aus Star Trek, und das ist okay.

Ich war mutig in diesem Urlaub. Ich habe vieles getan, das ich sonst nie tue, und habe ich schon erwähnt, wie furchtbar anstrengend es war..? Ich habe gelernt, polnische Wörter auszusprechen, finde es aber immer noch sehr schwer. Irgendwie bleibt Polen mir trotz allem ein wenig fremd. Ich bin froh, es endlich mal gesehen zu haben, und es ist wunderschön, dort Urlaub zu machen, Städte anzuschauen und die Natur zu genießen. Dennoch schlägt mein Herz nicht voller Liebe, wie es das (wider besseren Wissens) immer noch tut, wenn ich in Frankreich bin.

Die Menschen sind zwar sehr viel netter als in Russland, aber viel weniger nett, als ich sie in Südengland erlebt habe. Das ist nach meiner bisherigen Erfahrung immer noch die herzlichste Gegend, in der mir am meisten Aufgeschlossenheit und Hilfsbereitschaft begegnet ist.

Der Zauberer und ich waren in einem Wissenschaftsmuseum für Kinder, in mehreren Kunstgalerien, in unzähligen Kathedralen (die ich, Schande über mich, schon gar nicht mehr in der Erinnerung auseinanderhalten kann, aber ich weiß, dass sie alle sehr schön und viele ziemlich barock überladen waren), und in einem runden Gebäude, das ein riesiges kreisförmiges Gemälde beherbergt, das die Schlacht von Raclawice (sprich: Ras-wa-wize) darstellt. Ich war skeptisch, denn eigentlich gibt mir das Betrachten von Schlachtgemälden nicht viel Befriedigung, aber dieses Gemälde besticht durch seine wunderbare Aufarbeitung, eine liebevoll gestaltete Kulisse und viele historische Hintergrundinformationen.

Ich habe das Gefühl, dass in Polen die nationale Identität sehr hochgehalten wird, und dass das zu einem Gutteil mit der ständigen Unterdrückung und mehrfachen Auslöschung Polens zu tun hat. So sehr, dass ein Gemälde gefeiert wird, das einen einzigen Sieg Polens in einer Sclacht darstellt, obwohl der zugehörige Krieg (ich habe vergessen, welcher es war) trotzdem verloren wurde.

In der Bildergalerie ist auch ein Foto davon zu sehen.

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Nun habe ich mich also wieder in meinem alten, häuslichen Leben installiert, wo immer ein bisschen zuviel Geschirr herumsteht und ein paar Klamotten zuviel auf dem Fußboden im Schlafzimmer liegen, und wo ich mich zu Hause fühle. Das habe ich zum ersten Mal wirklich gemerkt, nachdem der Zauberer und ich aus den Ferien zurückkamen und ich es kaum erwarten konnte, in diese Wohnung zurückzukehren, die hier auf uns gewartet hat.

Schönes #17

Am 19. März dieses Jahres habe ich eine relativ große Prüfung im Fach Chirurgie abgelegt. Sie unterschied sich dadurch von allen anderen Prüfungen meines bisherigen Studiums, dass die Antworten nicht multiple-choice, also zum ankreuzen waren, sondern tatsächlich echte Antworttexte von uns erwartet wurden. Keine langen, nur so zwei-Satz-Dinger, manchmal nur Aufzählungen, die besagen sollten: „Ich weiß das und habe es verstanden“, anders als bei multiple choice: „Ich habe aus den fünf Antwortmöglichkeiten einfach willkürlich eine ausgewählt, weil ich keine Ahnung hatte, und zufällig hatte ich Glück“.

Nachdem wir diese Prüfung geschrieben (tatsächlich geschrieben!) hatten, war ich ziemlich fertig mit mir und der Welt, weil meine Unfähigkeit wohl bisher kaum so deutlich offengelegt wurde. In mündlichen Prüfungen kann ich vieles mit Rhetorik retten, hier guckten mich die leeren weißen Felder an und ich wusste bei vielen beim besten Willen nicht, was ich da hätte hinschreiben sollen. Also schrieb ich einfach irgendwas in der Hoffnung auf Teilpunkte.

Hinterher regten sich alle sehr auf, weil es ihnen ähnlich ergangen war, zumindest glaubten sie das. Dann warteten wir. Es kamen noch andere Prüfungen, es kamen die Ferien. Der Zauberer und ich waren in England, es kamen keine Ergebnisse, ich machte meine Famulaturen, es kam immer noch nichts. Eine neugierige Mitstudentin rief im Institut für Chirurgie an und fragte nach, wann wir denn mit unseren Ergebnissen rechnen könnten. Es wurden ausschweifende Gespräche in einer Facebook-Gruppe geführt.

Da dieser Post unter „100 schöne Dinge“ gelistet ist, muss ich eigentlich nicht mehr viel ergänzen, denn Menschen mit Verstand können sich den Rest sowieso erschließen. Heute kamen die Ergebnisse online. Ich las davon in der Facebook-Gruppe, bekam schreckliches Herzklopfen und meine Hände zitterten. Ich vertippte mich bei Eingabe der Uniwebsite-URL und verklickte mich bei der Suche nach der Datei. Dann sah ich, dass alle bestanden hatten, weil offenbar die Gleitklausel angewandt werden musste… Haben andere Unis so etwas auch? Wenn der Durchschnitt zu schlecht ist, wird einfach die Bestehensgrenze gesenkt, bis der Durchschnitt gut genug ist. So machen es die Lehrverantwortlichen sich selbst und uns leichter, wir profitieren also ziemlich direkt von ihrer Faulheit.

Dank dieser Gleitklausel hatte also auch ich bestanden. Endlich, nach all diesen Wochen ist der Druck weg, den ich sonst aufgrund der elektronischen MC-Prüfungen nie habe oder höchstens mal einen Tag lang. Ich bin so froh.

Schönes #16

Ich habe insgesamt vier Wochen Famulatur gemacht, davon zwei Wochen in der Viszeralchirurgie (Bäuche aufschneiden) und zwei Wochen in der Gynäkologie (Brustkrebs, Gebärmutter- und Eierstockkrebs, Schwangere). Beide Famulaturen waren, um es vorsichtig auszudrücken, ernüchternd. Nach der ersten freute ich mich auf die zweite, doch die hatte eine fast noch schlechtere Bilanz. Ein derart starres Netz von Hierarchien, Geklüngel, Engstirnigkeit und Egozentrik umfängt jede_n, der_die als arbeitende Person diese Bereiche betritt, dass es eins einfängt und eins sich großeMühe geben muss, nicht versehentlich auch noch an der Schinderei mitzuwirken, sei es durch Geläster, unterschwellig gemeine Bemerkungen, den Versuch, andere gegeneinander auszuspielen oder, am schlimmsten, den ganzen Frust an Patient_innen auszulassen (was leider ziemlich häufig vorzukommen scheint).

Vielleicht war es nur Pech. Ich hoffe es. Ich wüsste nicht, wohin mit mir und meinem Wunsch, Ärztin zu werden, wenn ich einsehen müsste, dass mein zukünftiger Arbeitsalltag… so aussehen würde und es kaum eine Chance gibt, irgendwo hinzukommen, wo es anders ist, freundlicher, menschlicher. Wo ein Hinweis einfach nur ein Hinweis ist und nicht ein Verweis mit entsprechendem Vorwurf. Wo die Aussage „das geht jetzt (leider) nicht“ nicht klingt wie „sei still und nerv nicht, wir wollen dich da nicht dabeihaben“. Wo jemand auf Wissbegier nicht reagiert, indem er_sie anderen deutlich macht, sich von der fragenden Person gestört zu fühlen, die immer noch mit im Raum ist. Wo jemand einsieht, dass eins ohne eigene Schuld misinformiert worden ist und etwas daher nicht richtig machen kann, oder noch schlimmer: Wo ein System aus widersprüchlichen Meinungen herrscht, was Arbeitsgewohnheiten betrifft, sodass die lernende Person immer wieder hin- und hergeworfen wird: Befolgst du Anweisungen von A, schnauzt B dich an. Entschuldigst du dich bei B (ohwohl es eigentlich nichts gibt, was du dir hast zuschulden kommen lassen) und änderst deine Arbeitsweise so, dass es B gefällt, kannst du sicher sein, dass kurz darauf A um die Ecke kommt und entsetzt ruft: „Was tust DU denn da!?“. Es ist aussichtslos, darauf zu hoffen, dass A und B untereinander ein klärendes Gespräch bezüglich ihrer divergenten Ansichten führen würden, denn A und B wollen ja dicke Kolleg_innen sein und das Betriebsklima schonen, und du bist nur ein_e dumme_r kleine_r Prantikant_in, da macht es nichts, wenn du einmal zuviel statt einmal zu wenig angeschnauzt wirst.

Ich bin, bis auf die Zeit in Russland, selten so häufig gedemütigt worden.

Ich wurde ganz zu Anfang, an meinem zweiten Tag in der Viszeralchirurgie, vom Chefarzt persönlich gedemütigt, als ich zum ersten Mal bei einer Operation assistieren sollte. Der Chefarzt stand neben mir und trug einen halben Mundschutz. Wer noch nie einen getragen hat: Die Dinger haben vier Bänder (eins an jeder Ecke) und oben ein kleinen, biegsamen, eingearbeiteten Metallsteg. Der gehört nach oben und wird über die Nase gedrückt, sodass der Mundschutz sich dem Nasenrücken anpasst und nicht herunterrutschen kann. Die beiden oberen Bänder und danach die beiden unteren Bänder werden am Hinterkopf zu Schleifen gebunden. (In Kombination mit der großen Schleife der Kopfhaube sieht eins dann ein bisschen aus wie ein Geschenk.)

Nun stand der Chefarzt neben mir und ich konnte seine ganze Nase sehen, mitsamt der Poren und der Nasenhaare. Darunter begann sein Mundschutz, der in seinem Fall wirklich nur ein Mundschutz war. Vor uns lag eine Patientin und war vom Rippenbogen bis zum Venushügel aufgeschnitten, ein Halterahmen spannte ihre Bauchdecke auseinander und ihr Darm lag auf dem Halterahmen, damit im Bauchraum mehr Platz war. Ich war ein bisschen fassungslos, wie jemand einfach munter aus der Nase in diesen Bauch hineinatmen konnte. Der Chefarzt wirkte nicht irritiert. (Manchmal, wenn etwas juckt oder verrutscht und eins sich selbst nicht kratzen kann, weil eins ja steril ist, dann kommt jemand von der OP-Pflege und kratzt, oder rückt die Brille gerade.) Ich stand und stand und wusste nicht, was ich zu ihm sagen sollte; schließlich entschied ich mich für ein bescheidenes „Entschuldigen Sie, Professor, ich glaube (!); ihr Mund-Nasenschutz (!) ist…ähm…heruntergerutscht.“ (Das war das einzige Mal, dass ich jemand mit Prof.-Titel auch tatsächlich mit solchem angesprochen habe, ich hasse diese Schleimerei und Titelgeilheit wie die Pest…)

Der Chefarzt sagte erst nichts. Dann sagte er, geradeaus blickend: „Aha. Ja…dankeschön.“ Er blickte zum Oberarzt, der mit am Tisch stand, und beide…kicherten, wie alte Männer eben kichern, eher ein Schnauben, stimmlos, aber unüberhörbar. Der Rest der OP verlief in sturem Wir-ignorieren-die-Praktikantin-Modus, irgendwann wurde ich dann glücklicherweise auch beinahe-ohnmächtig (wie es mir bei OPs so oft passiert) und trat vom OP-Tisch ab. Die nächsten Male, die ich mit dem Chefarzt operieren durfte musste, traute ich mich nicht mehr, das Thema anzusprechen. Stattdessen fragte ich eine Assistenzärztin auf Station sehr schüchtern danach. Sie druckste herum. Ihr war anzumerken, dass sie beinahe auf Spott gegen mich ausgewichen wäre, um das Thema nicht zu besprechen. Sie entschied sich dann für ein wie-selbstverständlich-klingendes: „Tja, das ist eben einfach seine Art.“ Damit war die Sache für sie beendet.

Letzten Endes war es mein Vater, der tatsächlich einmal eine hilfreiche Idee hatte, und so rief ich die Hygienebeauftragte der Uniklinik an schob ich es zwei Wochen vor mir her, bei der Hygienebeauftragten der Uniklinik anzurufen, um nach dem Ende der Famulatur den Chefarzt persönlich anzuschwärzen.

Heute habe ich es endlich getan. Ich war sehr unsicher, telefonierte mit mehreren Personen, erzählte allen zu ausführlich mein Problem, um dann weiterverwiesen zu werden (so eine Uniklinik ist groß). Hier schließt sich der Kreis zum Titel des Beitrags, und nach all dem Elend komme ich doch noch zum Wesentlichen: Ich habe es geschafft, mit der Hygienebeauftragten, die selbst studierte Medizinerin ist, zu sprechen, und fand bei ihr zwei sehr offene Ohren für dieses so banal wirkende Problem. Sie redete sehr lange über die verfehlte Vorbildfunktion dieses Professors, über „grundlegende Hygienestandards am Situs“ (= OP-Feld = offene_r Patient_in), über „Patientenschutz“, über das Alter dieses Chefarztes und die Ansicht solcher Männer (denn solche sind es beinahe immer: 1. alte 2. Männer; ich habe noch nie eine weibliche Chefärztin erlebt), sie seinen „Halbgötter in weiß“ und seien so gut, dass sie „auch locker einen Kaiserschnitt auf einer Kuhwiese durchführen könnten“.

(Das erinnerte mich an den Famulaturbericht zweier Mitstudenten, die in Indonesien waren und auch berichteten, dass dort ohne Mundschutz operiert werde. Was wohl daran liegt, dass Indonesien schlechte medizinische Standards hat und solche Dinger vielleicht gar nicht vorhanden waren. Hier ist es dasselbe, basierend auf der Arroganz eines alten Mannes.)

Ich telefonierte Die Hygienebeauftragte telefonierte eine halbe Stunde mit mir (ich sagte meistens nur: hm, ja…) und regte sich kräftig über alles auf, und es war Balsam für meine Seele. Nachdem wir aufgelegt hatten, war ich auf eine Art froh und erleichtert, als hätte das meine ganzen deprimierenden Erlebnisse der letzten Wochen ein wenig relativiert, allein durch das Wissen, dass ich nicht nur überempfindlich bin, und dass das System wirklich ein Scheißsystem ist. Zuletzt kündigte sie an, unabhängige Kommissionen „wie zufällig“ die OP-Säle der Viszeralchirurgie inspizieren zu lassen, die Statistiken der Wundinfektionen einzusehen und den ärztlichen Direktor, der der direkte Vorgesetzte der Chefärzte ist, in Kenntnis zu setzen, und ich war ziemlich baff, was ich gerade bewirkt hatte nur mit einem Anruf wegen eines Mundschutzes.

Ich weiß noch, zuletzt sagte sie, dass dieses System sich selbst überhole, dass es solche Formen von Hierarchie und damit verbundener Arroganz nicht mehr allzu lange geben könne und dürfe, dass die Dinge sich ändern würden… und dass ich das im Laufe meines Berufslebens wohl noch erleben würde.

Ferien

Also hatte ich die letzten vier Wochen Ferien und werde noch eine Woche haben, aber von den gesamten fünf Wochen werde ich vier gearbeitet haben. Es bleibt eine Woche übrig, in der ich mit dem Zauberer weggefahren bin, und zwar mit dem Bus. Wir waren in England. Ich kann erzählen, dass ich Leute kenne, die Engländer_innen sind oder zumindest derzeit in England wohnen, und dass ich die besucht habe; das klingt sicherlich sehr beeindruckend. Vor allem war es schön, zu wissen, wo wir schlafen würden und nicht diese Unsicherheit zu haben, eventuell eine sehr ungemütliche Nacht verbringen zu müssen ohne die Chance, sich am nächsten Morgen anständig waschen zu können. (Ich stelle fest: Mir ist es enorm wichtig, mich morgens einmal zu waschen und mir die Zähne zu putzen. Ich fühle mich sonst grässlich.)

Ich war sehr froh, einen Schal dabeizuhaben, denn es war so fürchterlich windig, dass ich beinah weggeflogen wäre, und manchmal regnete es auch, aber glücklicherweise selten. Am Victoria-Busbahnhof in London, wo wahrscheinlich alle Linien-Reisebusse ankommen und abfahren, die irgendwie im Süden Englands verkehren, gibt es furchtbar viele Obdachlose, und allgemein sind viele Viertel so heruntergekommen, mit kleinen und schmutzigen Häusern, in denen Leute wohnen, die es nicht groß zu stören scheint, dass ihr Haus ihnen irgendwann wegschimmeln könnte. Es ist bedrückend, das zu sehen, egal wie oft eins sich sagt, dass es in anderen Gegenden, anderen Teilen der Welt, noch viel schlimmer ist. In England scheint es in sehr vielen Gegenden so zu sein; in London, in Bristol und in Cornwall war es jedenfalls so.

Dafür gibt es das Meer, was wunderschön ist in seiner Wildheit, seiner Farbe und seiner immerwährenden Anwesenheit, die für mich, wo ich nicht am Meer lebe, etwas Beeindruckendes hat. Es ist so besonders, am Meer entlangzugehen („Spazieren“ kann ich nicht sagen, denn dafür muss eins sich zu sehr gegen den Wind stemmen), oberhalb der Klippen durch die Graslandschaft der Dünen zu streifen, die wie ein fremder Planet aussieht, über die zerklüfteten Felsen zu klettern oder einfach durch die kleinen Ortschaften zu wandern, mit ihren oftmals heruntergekommen Häusern und Häuschen und dazwischen ab und zu eine Palme oder ein großer Farn. Dem Golfstrom sei Dank.

Ich lade einige Fotos hoch:

Möchte ich nach diesen ganzen Bildern, die mich jetzt schon wieder wehmütig machen, überhaupt noch vom frustrierenden und desillusionierenden Alltag der Wochen danach berichten? Eigentlich nicht. Vielleicht ein anderes Mal, wenn auch das wieder in weitere Vergangenheit gerückt ist und somit distanziert und bilanzierend erzählt werden kann. Derzeit knabbere ich noch zu sehr an den deprimierenden Eindrücken, die mich an mir, meinem Verhältnis zu anderen Menschen, meiner Berufswahl und somit auch ein wenig an meiner Berufswahl zweifeln lassen, auch wenn es netto „nur“ zwei jeweils zweiwöchige Famulaturen waren, die mir sowohl mein Interesse an der Chirurgie ausgetrieben als auch meine Freude an der Gynäkologie – nunja – zumindest ziemlich madig gemacht haben. Es zehrt an mir, und das mehr, als es vermutlich sollte. Ich lasse es erst einmal ruhen und warte den Beginn des neuen Semesters ab. Adieu, liebes Blog.

Kinderkram

Hallo Blog. Du bist noch immer da, und du wirst kaum gelesen. Ich werde dir jetzt ein Geständnis machen, vielleicht das erste ernsthafte Geständnis, das ich dir jemals gemacht habe in den vier Jahren, die du nun mein bist. Natürlich bist du vorrangig zuständig für hübsche Bilder, für nachdenkliche und manchmal auch Überzeugungs-verbreitende Texte, weniger als eine Art persönliches Tagebuch. Du sollst und wirst ordentlicher bleiben als ein Tagebuch es sein darf und nicht vermüllt werden mit den ganz alltäglichen Gedanken. Du bist – im Gegensatz zu echten Tagebüchern – eine zumindest halbwegs vorzeigbare Gedankensammlung. Liebes Blog, ich hätte gerne ein Kind.

Ich erinnere mich, vor längerer Zeit einmal am Ende eines Artikels den scherzhaften Einwurf gemacht zu haben, ich würde in einem folgenden Artikel einmal das Thema behandeln, warum ich immer vehement behaupte, garantiert niemals Kinder haben zu wollen, obwohl ich eigentlich vielleicht doch gar nicht so denke (oder so). Damals war ich auch wirklich sicher, dass Kinder nichts für mich persönlich sind und schon gar nicht in den nächsten Jahren, und sowieso sind Kinder ekelhafte Mistblagen, die kreischen und ständig alles und jede_n herausfordern müssen/wollen. Ich bin nicht die Person für Kinder, das ist meine Schwester; die wird von allen Kindern geliebt und beantwortet das auch mit Gegenliebe. Neben ihr bin ich die komische Kinder-skeptisch-beäugende Halberwachsene, die sich lieber mit anwesenden Tieren oder Büchern beschäftigt. Zugegebenermaßen ist das prätentiös und gelogen. Wenn meine Schwester nicht in der Nähe ist und die beste Cousine/Patentante/große Freundin der Welt darstellt für die kleinen Mistblagen, dann bin ich die coolste Spielgefährtin/Erklärerin. Ich kann stundenlang kreischend durch Keller laufen und Verstecken spielen. Ich liebe Ice Age. Ist das genug, um es sich zuzutrauen, selbst ein Kind zu haben?

Wann ist diese Veränderung eingetreten? Ich weiß es nicht. Ich gebe noch immer einen feuchten Dreck auf meine biologische Uhr, dazu bin ich zu jung. Eigentlich bin ich, auch was die Lebenssituation betrifft, insgesamt eher zu jung. Vielleicht macht das den Reiz aus. Das Gefühl, ein Kind, sollte es jetzt (oder im nächsten oder übernächsten Jahr) auf die Welt kommen, großziehen zu können ohne das Gefühl, es nur aus so etwas wie Torschlusspanik gezeugt zu haben. Oder weil es eben gerade so gut passte in die Planung. Es wäre allein der große Wunsch. Natürlich hinterfrage ich das wieder als naiv und romantisch, weil es genau derselbe Grund ist, den wahrscheinlich die meisten Teenager-Eltern angeben würden, wenn sie nach ihrer Motivation gefragt würden, im Teenageralter Eltern zu werden.

Der Unterschied hierbei besteht vielleicht darin, dass ich mir einbilde, relativ nüchtern und aufgeklärt an die Sache heranzugehen. Ich bin mir, zumindest theoretisch, des ganzen Stresses bewusst, der Unsicherheiten, die zwangsläufig entstehen, der Erschöpfung, des Kraftaufwands. Ich will es trotzdem. Ich hege die Hoffnung, noch in einer Phase zu sein, in der mir der Perfektionismus fehlt, dessentwegen andere Menschen sich scheinbar für Kleinigkeiten wahnsinnig machen. Ich bestehe nicht auf Ordnung und Sauberkeit und schlafe auch jetzt locker wie ein Stein, sobald ich mich hinlege. Ich habe keine eigenen Krankheiten und Gebrechen. Mir ist es egal, wenig Geld zu haben, sofern es nicht einen gewissen Lebensstandard unterschreitet (um auch hier sehr ehrlich zu sein, denn natürlich habe ich von echter Armut keinen Schimmer und möchte hier nicht meinen Mund aufreißen).

Vielleicht liegt es auch daran, dass meine Sicht auf die Welt und meinen Platz in ihr sich noch immer rasant verändert und, soweit ich das einschätzen kann, hin zu mehr Integrität und Souveränität bewegt. Es sind viele Kleinigkeiten, an denen das bemerkbar ist und die mich, im Gegensatz zum Schmerz des Erwachsenwerdens, nicht quälen, sondern eher helfen. Und auf einmal, ohne dass ich es bewusst realisierte, war auf einmal dieser Wunsch da, der bislang in meinem Kopf geblieben ist. Der Wunsch danach, einen kleinen Menschen hier herumliegen und später -laufen zu haben, der irgendwann sprechen lernt und für diesen kleinen Menschen zu sorgen, und…naja, warum Menschen eben Kinder in die Welt setzen wollen. So kam es, dass ich während eines nächtlichen Telefongesprächs mit dem Zauberer damit herausplatzte und das somit nun zu einem Thema geworden ist, über das gesprochen wird, das ich nicht mehr zurücknehmen kann. Zumindest wurde bisher keine Häme über mich ausgeschüttet, denn erwartbar wäre es doch gewesen bei der Absurdität dieses plötzlich geäußerten Sinneswandels. Stattdessen Überraschung, nicht unbedingt negative, und Nachdenklichkeit. Diese hat sich bis jetzt gehalten und wird es wohl auch noch eine Weile lang tun. Sie soll es dürfen, meinetwegen so lange, wie es eben braucht für andere Menschen als mich, um zu einer Entscheidung zu kommen, die nicht spontan aus dem Bauch heraus gefällt wird und dann unumstößlich steht, ohne dass daran groß zu rütteln wäre. (Für sich betrachtet, ist das ein ziemliches Privileg, das ich vielleicht mehr würdigen sollte.)

Es würden viele andere hypothetische Abenteuer dafür aufgegeben werden, aber das Konzept Selbstverwirklichung ist mir ohnehin zu perfektionistisch. Ich argumentiere vor mir selbst damit, dass Elternschaft an sich ja auch ein Abenteuer darstellt, ein nicht allzu kleines, was scheinbar die meisten Eltern so sehen. Das gibt mir Hoffnung.

Blöd nur, dass ich mir vor nichtmal einem Jahr eine doch recht teure Kupferspirale habe einpflanzen lassen, die, sollte sie in absehbarer Zeit wieder entfernt werden, eine ziemliche Geldverschwendung darstellt. Über was für Dinge eins sich so Gedanken macht… Genauso wie darüber, ob diese Wohnung platzmäßig reicht. Ob Reisen theoretisch noch möglich wären. Ob es machbar wird, das ganze ohne Auto zu managen. Zeit. Geld. Ob die Basis an Vertrauen und beziehungstechnischer Sicherheit breit genug ist, um ein Kind daraufzusetzen, und wie groß das Risiko ist, dass dieses Kind schon im jungen Alter als Trennungskind aufwächst. Ob das Kind nicht unter elterlicher Überforderung leiden wird. Ob es klug ist, schwanger zu werden, wenn ich dann keine Antidepressiva nehmen kann, wo ich doch derzeit schlecht einschätzen kann, wie groß die Rolle dieser Antidepressiva für meine Stimmung ist. Darüber steht immer wieder etwas, das ich mir letztlich doch immer als etwas zauberhaftes vorgestellt habe: ein Mistbalg, ein kreischendes, und das ganze pathetische Drumherum. Was vielleicht für den ganzen Rest und die Sorgen entschädigen könnte.

Noch weiß ich nicht, wie die Geschichte weitergehen wird; es kann sehr gut sein, dass nach reiflicher Überlegung entschieden wird, das Ganze doch noch ruhen zu lassen, die Spirale zu behalten und so zu tun, als hätten diese ganzen Gedanken und Gespräche während dieser (bisher doch recht kurzen) Zeitspanne gar nicht stattgefunden. Ich wäre nicht allzu traurig deswegen, denn noch bin ich ohnehin so jung und alles noch so offen… da ist es noch nicht an der Zeit, sich intensiv über potentiell verpasste Chancen zu ärgern. Allein das Gefühl, sich theoretisch zu so etwas in der Lage zu fühlen, ist ein gutes, und es wird hoffentlich nach Abbruch der Kinderpläne bleiben, als ein kleines, aber hartnäckiges „Aber du hättest gekonnt!“

Schönes #15

Es klingt unglaubwürdig, aber nach diesem doch etwas gemeinen letzten Post haben sich die Dinge tatsächlich ein wenig geändert, was wohl hauptsächlich an der Prüfungsangst lag, die wir am letzten Tag vor der mündlichen Prüfung alle gleich ausstanden, zusammen mit dem Gefühl, nicht einmal genug Wissen für fünf Minuten Reproduktion zu besitzen und der Befürchtung, sich vor den anderen zu blamieren. Mir wurde nach fünf Tagen klar, dass die beiden meinen Namen kennen. Es wurde geredet, zumindest oberflächlich, ohne missgünstige Untertöne. Auch, wenn wohl keine Freundschaft daraus entstehen wird, ist es eine schöne und beruhigende Erkenntnis.

Letztendlich ging die Prüfung für uns alle mit einer Eins aus, was das Gejammer vorher ziemlich ad absurdum führte. Zusammenfassend habe ich sehr viele Babys gesehen und mit einem Sechsjährigen geflirtet, der mich nicht leiden konnte, weil ich die 73629. Person war, die ein Stethoskop auf ihn halten wollte und dazu auch noch sein Hemd hochziehen („Das kann ich alleine!“). Er war auch nicht beeindruckt von einem der lustig bedruckten T-Shirts, die ich besitze und in voller Absicht alle nacheinander während dieser Woche angezogen habe.

Nun nähert sich Weihnachten und ich habe einen Plan für fast jedes Weihnachtsgeschenk, das irgendjemand bekommen soll.

Die schönste Nachricht, die eigentlich diesen Blogpost ausgelöst hat, kam aber telefonisch an diesem Vormittag: Unser kleines weißes Kaninchen ist nicht mehr alleine. Mein Bruder rief mich an und durch die Festnetzleitung hörte ich das nervöse Atmen des Neuankömmlings; sie ist von Bekannten gekommen, nachdem deren anderes Kaninchen (wie unseres) gestorben war, sodass beide Kaninchen von akuter Vereinsamung bedroht waren. Sie verstehen sich wohl gut, schon am ersten Tag. Meine Mutter hat Bilder geschickt, die ich aus überschwänglicher Freude hier herumzeige, um mit meinem Glück hausieren zu gehen, denn nachdem wir schon dachten, unser Kaninchen müsste ins Tierheim, um nicht einsam zu sterben, kann es nun dableiben, und endlich werde ich, wenn ich im Elternhaus ankomme, wieder leichten Herzens zum Kaninchenstall gehen. Gerade fällt mir kein schöneres Weihnachtsgeschenk ein.

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Und obwohl es mir nicht immer gut geht, ich oftmals ziemlich wenig Kraft habe, grundlos traurig bin und weiterhin Medikamente nehme, bin ich so froh, dass dieses Blog endlich mal wieder einen Sinn hat. Ich bin für so vieles dankbar; unter anderem dafür, dass die weniger schönen Dinge von hier aus sogar… bewältigbar scheinen.

Schönes #14

Genug Mumm haben, um die unfreundlichen beiden Menschen, mit denen in dieser Woche bei allen Univeranstaltungen leider Dauerkontakt besteht, zu ignorieren und sich nicht von ihnen fertigmachen zu lassen. („Unterricht in Kleingruppen“ mit automatischer Gruppenzuteilung sei Dank…)

Mittags im Labor sitzen und alle hier sind so nett und freuen sich, mich zu sehen, mit ihnen ist die Mensa wunderbar, so müssten die Mittagspausen immer sein. Danach keine Angst haben vor der Aussicht, den Nachmittag wieder mit den beiden giftspeienden Drachen zu verbringen, denn sie können mir gar nichts und ich bin viel netter als sie.

Erkenntnis, auch nicht das kleinste bisschen auf ihre Gesellschaft, Sympathie oder Anerkennung angewiesen zu sein. Ich war heute schon viel entspannter als gestern.

Langgesammeltes

In diesem Frühling und Sommer sind doch einige Bilder entstanden und ich bin noch immer nicht dazu gekommen, sie auf den Blog zu tun. Sie passen kaum noch thematisch, erzählen von Tagen, die längst vergangen sind, von Bäumen, an denen grüne Blätter hängen und einer Zeit, als ich barfuß lief und einen Hut aufsetzte, um nicht von der Sonne verbrannt zu werden. Schon jetzt träume ich wieder davon. Am allermeisten ist es die schlichte Vision davon, in der Sonne auf dem Rasen zu sitzen und in einem Buch zu lesen. Kein Schwimmengehen in Seen und Flüssen, kein Eisessen, kein Strand, keine Urlaubsplanung kommt gegen dieses banale Gedankenbild an, das mich durch diese Tage und Abende begleitet. So seufze ich ab und zu und klicke mich durch die farbigen Zeugnisse, dass das in diesen Breitengraden theoretisch möglich ist, dass es möglich war und in einer absehbaren Zeit auch wieder möglich sein wird. Bis dahin esse ich Süßes und schlafe viel, sehr viel.

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Advent

Tatsächlich ist hier jetzt der Advent ausgebrochen. Zum allerersten Mal im Leben habe ich mich selbst um solche Dinge gekümmert. Früher geschah es in der Familie, mit Adventskranz und Hexenhäuschen-Bekleben und dem alljährlichen Aufhängen und Aufbauen von allerlei Dekoration, die immer dieselbe blieb und uns auch immer dieselbe Freude brachte, selbst in meinen Jugendjahren noch, als sich schon in die Vorfreude auf Weihnachten die nostalgische Resignation mischte, dass sich diese Vorfreude niemals mehr so echt und spannend anfühlen würde wie damals, als ich klein war.

Ein Jahr war ich in Russland, wissend, dass ich über Weihnachten zu Hause sein würde, und so sah ich keine Notwendigkeit, in meinem Petersburger Zimmer weihnachtlich zu dekorieren. Im Jahr danach war ich ohnehin wieder zu Hause. Im Jahr danach verbrachte ich die Vorweihnachtszeit im Studiwohnheim, wo ich kaum an so etwas dachte und ohnehin die karge Umgebung wenig Lust auf weitere Dekoration weckte. Im Jahr danach wohnte ich in meiner WG, wo niemand wirklich in Weihnachtsstimmung war und sich weihnachtliche Bemühungen darauf beschränkten, dass ein großer Teller mit Keksen und Süßigkeiten herumstand, der unzählige Male leergegessen und wieder aufgefüllt wurde, auch von mir. (Ich esse mittlerweile eigentlich immer, ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu haben. Dazu hat sicherlich auch die Phase beigetragen, in der ich auf einmal sehr viel aß und trotzdem abnahm. Körperhass besteht zwar oft weiterhin, aber das Essen ist kein sehr schlimmes Problem mehr. Aber ich schweife ab.)

Nun bin ich beinahe so etwas wie erwachsen und herrsche über eine Wohnung mit Balkon, in der jetzt Weihnachtsdinge hängen und stehen, um die der Zauberer und ich uns selbst gekümmert haben, ganz aktionistisch sind wir am Vormittag losgezogen und haben mit einer Taschenmesser-Säge an einer privaten Tanne heimlich ein paar Zweige abgesägt. Wir haben Kerzen gekauft auf dem Weihnachtsmarkt und einen großen roten Papierstern, in dem eine Lampe hängt. Wir haben Räucherstäbchen gekauft und eine große Packung Mate, haben versehentlich zuviel herausgegebenes Geld zurückgetragen und wurden dafür von einem freundlichen Mann angesprochen und mit zwei Glühwein-Gutscheinen beschenkt. Davon haben wir einen an eine Achtjährige weiterveschenkt und den anderen gegen einen Kinderpunsch eingetauscht, den wir auf dem Weihnachtsmarkt tranken, so wie die richtigen Leute das tun.

All diese Dinge sind so schön. Ich verbringe diese Zeit tatsächlich in lauter Vorfreude auf Weihnachten, ich bekomme gar nichts mit vom nervigen Kommerz; es ist das erste Jahr, in dem das so ist. In mir ist eine solche Lust auf gemütliche, Weihnachts-Winter-Klischee-typische Dinge; ich trage Wollsocken und trinke Apfel-Zimt-Tee auf dem Sofa, nicht einmal Weihnachtslieder stören mich derzeit. Das war bisher in keinem Jahr so. Derzeit finden nur die schönen Seiten von alledem an mich heran. Niemals hätte ich erwartet, dass das einmal so werden könnte. Ich möchte es festhalten und bewahren, auch über diesen Monat hinweg und durch alle kommenden Jahreszeiten.

Zum Schluss zwei Bilder von neuen, eigenen Dingen, die nun hier aufgehängt und aufgebaut sind.

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